Frauke Girus-Nowoczyn – Praxis für Ganzheitliche Gesundheit

Achtsamer Neubeginn

Nicht nur Sylvester eignet sich wunderbar für einen Neubeginn. Viele haben jetzt schon ihre guten Vorsätze wieder über Bord geworfen, oft aus einem Perfektionismus heraus. Wenn die Umsetzung nicht zu 100% klappt, kann ich es auch ganz lassen. Es folgt Enttäuschung über sich selbst – bis hin zum Selbsthass und dann wird das Thema oft verdrängt, bis wieder Sylvester vor der Tür steht. Wenig hilfreich, oder? 

Thich Nhat Hanh (Thay)

Thich Nhat Than sagt dazu: „ein Neubeginn muss Deinen Geist und Dein Herz ergreifen, um die Beschränktheit zu beseitigen, die ein Fehlverhalten des Körpers, der Sprache oder des Denkens hervorgebracht hat, und er hilft Dir, eine liebevolle Haltung einzunehmen. Scham und Schuld verschwinden dann und Lebensfreude entsteht. Jegliches Fehlverhalten entsteht im Geist und durch den Geist kann jegliches Fehlverhalten verschwinden.“

Jeden Morgen, wenn Du aufwachst, hast Du 24 frische und neue Stunden vor Dir. Alles, was zählt ist, wie Du diese Zeit verbringst, völlig unabhängig davon, was du gestern oder davor gemacht hast. Ein kleines Morgenritual kann dafür hilfreich sein. So etwas ganz Simples wie auf dem Bettrand sitzen bleiben und 3-5 tiefe Atemzüge bis in den Bauch hinein atmen, die Füße dabei fest auf dem Boden stehen lassen. Dasselbe noch einmal beim Zähneputzen, zu Beginn des Frühstücks und direkt vor dem Verlassen des Hauses, wenn Du zur Arbeit oder Uni oder Schule musst. Tief zu atmen senkt alle Stresshormone und führt zu Entspannung. 

Abends kannst Du kurz innehalten und überlegen, was Dir an diesem Tag Freude bereitet hat. Das können Kleinigkeiten sein, die Dich zum Lächeln gebracht haben. Kleine Glücksmomente kannst Du auch ein einem Dankbarkeitsjournal festhalten. In Zeiten, wo es Dir mal nicht gut geht, kannst Du das durchblättern und Dir so selbst wieder Mut und Vertrauen zurückholen. 

Wöchentliches Neubeginns-Ritual für Familie oder Gemeinschaft

Wenn Du nicht allein durchs Leben gehst, kann dieses Ritual sehr wohltuend sein. Es stammt aus Plum Village, dem Ort, an dem Thich Nhat Than viele Jahre gewirkt hat. Alle, die daran teilnehmen, treffen sich wöchentlich zu einem fest verabredeten Zeitpunkt. 

In der Mitte steht eine Vase mit Blumen. Alle sitzen still und konzentrieren sich auf ihre Atmung. Wenn dann im Zustand der Entspannung jemand etwas sagen möchte, legt die Person die Hände aneinander und alle anderen tun das auch, um ihr zu signalisieren, dass die Geste wahrgenommen wurde. Dann nimmt die Person die Blumenvase in die Hand und setzt sich wieder auf ihren Platz (wenn die Runde etwas größer ist). Alles, was sie sagt, spiegelt die Frische und Schönheit der Blume in ihrer Hand wider. Dann spricht sie über das, was sie an den anderen Personen in dieser Woche positiv berührt hat. Das ist kein Schmeicheln – jeder Mensch hat einzigartige Qualitäten, die man mit Achtsamkeit sehen kann. Und es tut gut, von anderen zu erfahren, dass sie gesehen wurden. Idealerweise findet sie Worte für jede andere Person, die an dem Ritual teilnimmt. Niemand unterbricht die Person, die spricht, sie nimmt sich so viel Zeit, wie sie braucht und alle anderen praktizieren währenddessen aktives Zuhören. Das bedeutet zuzuhören und nicht darüber nachzudenken, was ich gleich noch tun muss oder will. Ob es morgen wohl regnen wird ob der Hund noch raus muss, etc. Wenn die Person alles gesagt hat, stellt sie die Vase wieder an ihren Platz. Niemand kommentiert das Gesagte, alle sind wieder still und auf die eigene Atmung konzentriert bis der oder die Nächste das Zeichen gibt, dass sie etwas sagen möchte. 

Das kann man übrigens auch gut mit Kindern praktizieren. Vielleicht eine Ergänzung zum Sonntagsbrunch?

Erweiterung für Fortgeschrittene

In einer zweiten Runde kann jede Person wieder das Wort ergreifen und ihr Bedauern darüber ausdrücken, wenn sie jemanden verletzt hat. Dafür reichen manchmal schon ein paar gedankenlos dahingesagte Worte. 

In einem dritten Teil kann dann ausgedrückt werden, wenn die Person selbst verletzt wurde. Auch das kann man mit freundlichen Worten ausdrücken. Es geht nicht darum, jemand anzuklagen, jemanden zu bestrafen, sondern darum, den eigenen Schmerz sichtbar werden zu lassen. 

Es ist ganz wichtig, dass auch hierbei nur aktiv zugehört wird, es wird niemals kommentiert oder diskutiert. Es geht um die innere Bereitschaft, das Leiden der anderen zu erleichtern, nicht jemanden zu be- oder verurteilen. Man hört mit seiner ganzen Aufmerksamkeit zu. Selbst wenn wir etwas hören, das nicht wahr ist, hören wir einfach nur zu und erlauben der anderen Person, ihren Schmerz und ihre innere Anspannung zu zeigen und loszulassen. Jetzt zu diskutieren, würde den Prozess zerstören. Wenn etwas wirklich falsch war, können wir das ein paar Tage später in Ruhe und unter vier Augen klären. Vielleicht wird die Person dann im nächsten Ritual ihr Bedauern über diesen Irrtum ausdrücken und wir haben gar nichts zu sagen. 

Das Ritual kann damit enden, dass sich alle an den Händen halten und in der Stille den gemeinsamen Atem und die Verbindung untereinander spüren. Oder mit einer Umarmungsmeditation. 

Umarmungen als Achtsamkeitsmeditation

Das ist eine weitere Erfindung von Thich Nhat Than, eine Art Osten und Westen zu verbinden. Man muss wirklich die Person umarmen, die man da umarmt. Es geht nicht um den schönen Schein, um ein Schulterklopfen, das nur vortäuscht, für den anderen da zu sein, sondern darum, den Menschen bewusst zu spüren, bewusst zu atmen und die Umarmung vollständig mit Körper, Geist und Seele durchzuführen. Einatmen: „ich spüre diesen geliebten Menschen in meinen Armen, ganz lebendig“. Ausatmen: „Diese Person ist so wertvoll für mich“. Wenn Du auf diese Weise tief atmest, wird die Person in Deinen Armen Deine Fürsorge, Liebe und Achtsamkeit spüren, das wird sie nähren und sie wird aufblühen wie eine Blume.