Absicht oder Fehlinterpretation?


Antwort auf einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung

Als Teamleiterin für den Bereich Ernährung und Gesundheit der Veganen Gesellschaft Deutschland (VGD), habe ich auf einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 3. Februar geantwortet. Hier der Link zum Ursprungsartikel >>> klick. Im Anschluss meine Antwort.
Dr. Werner Bartens ist als Medizinjournalist durchaus in der Lage, wissenschaftliche Publikationen zu verstehen, doch hier gibt er sich überrascht über angeblich neue Fakten und formuliert geschickt aber irreführend, um den Eindruck zu erwecken, die vegane Ernährung sei dauerhaft ungeeignet und könne sogar gefährlich werden.

Der chinesische Wissenschaftler Duo Li kommt in seiner Übersichtsarbeit nicht zu dem Schluss, dass Veganer ein erhöhtes Risiko für verstopfte oder verhärtete Gefäße hätten. Obwohl er mehrere Studien zitiert, in denen es um bestimmte Blutwerte geht, empfiehlt er in seiner Schlussfolgerung allen Vegetariern, insbesondere Veganern lediglich, den Anteil an Omega-3 Fettsäuren sowie Vit. B12 in ihrer Ernährung zu erhöhen. Dadurch entstünde seiner Meinung nach ein besseres Verhältnis von Omega-3 zu Omega-6 Fettsäuren. Dies verringere die Neigung zur Bildung von Blutgerinnseln „…,das sonst ihr allgemein geringes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen könnte“.

Halten wir also an dieser Stelle deutlich fest: Vegetarier und Veganer haben ein niedrigeres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen als Allesesser. Diese Tatsache ist von Duo Li nie bestritten worden und wird von zahlreichen Studien bestätigt. So kommt z.B. zu hoher Blutdruck bei Veganern besonders selten vor und auch bei Gesunden ist der Blutdruck der Veganer der niedrigste. (1)

Weiter behauptet die Süddeutsche Zeitung: „Wenn wichtige Substanzen wie Eisen, Zink, Vitamin B12 und Omega-3-Fettsäuren, nicht von außen zugeführt werden, sind Veganer damit nicht ausreichend versorgt.“

Dieser Satz gilt für alle Menschen, nicht nur für Veganer. Wenn wir nicht genügend Vitamine und Mineralstoffe aus der Nahrung aufnehmen, fehlen sie uns. Schauen wir uns das genauer an.

Eisen

Vergleicht man die Eisenwerte von Vegetariern und Allesessern, so sind die Werte der Vegetarier tatsächlich oft niedriger. Es gibt aber auch Theorien, dass niedrigere Eisenspiegel vor bestimmten chronischen Erkrankungen schützen. (2)

Der Verzehr von Fleisch und Milchprodukten hebt nicht automatisch den Eisenspiegel. In einer australischen Studie bezüglich der Nahrungsaufnahme und Eisenwerte von Vegetarierinnen und Allesesserinnen stellte sich heraus, dass in beiden Gruppen etwa gleich viele Frauen Eisenspeicherwerte unterhalb der Grenze von < 12 µg/L aufwiesen.(3) Dieser Wert gilt als untere Grenze zum Eisenmangel.

Warum ist das so? Die Aufnahme von Eisen hängt von zwei Hauptfaktoren ab: der einwandfreien Funktion der Darmschleimhaut, durch die das Eisen aufgenommen wird sowie der Interaktion des Eisens in der Nahrung mit anderen Nahrungsbestandteilen.

Die Darmschleimhaut wird durch den Verzehr von tierlichem Eiweiß geschädigt. Der Verzehr von Milch kann insbesondere bei Säuglingen und Kleinkindern (4) zu Mikroblutungen im Darm führen (5), die ihrerseits Eisenmangel hervorrufen. Die entsprechenden Interessengruppen bestreiten erwartungsgemäß, dass die Menge des Blutverlusts ausreichend sei, um den Eisenmangel hervorzurufen. Das geht aber meiner Ansicht nach am Thema vorbei, denn eine chronisch entzündete, blutende Darmschleimhaut ist in ihrer Funktion beeinträchtigt und deshalb wird die Fähigkeit zur Aufnahme von Eisen und weiterer Vitalstoffe behindert und der rechnerische Eisenverlust durch die Blutungen ist eben nicht der alleinige Parameter. Eine solcherart geschädigte Darmschleimhaut kann darüber hinaus auch Ausgangspunkt für weitere Erkrankungen werden, darunter Diabetes Typ-1, Morbus Crohn und Colitis Ulcerosa.

Man unterscheidet Eisen aus Blut, sogenanntes Häm-Eisen, und Eisen aus pflanzlichen Quellen. Vom Häm-Eisen wird bis zu 20% aufgenommen, aus pflanzlichen Quellen nur 1-8%. Die vegane Ernährung verfügt jedoch über sehr vielfältige Eisenquellen, die Mengen in der Nahrung sind demnach meist höher als die der durchschnittlichen Allesesser. Vitamin C kann die Verwertung von pflanzlichem Eisen bis auf das Dreifache erhöhen, bewirkt aber keine Steigerung der Aufnahme von Häm-Eisen(6). Die vegane Nahrung ist vielfältig und reich an Vitamin C, insbesondere bei einem ausreichenden Anteil an Rohkost (Vit. C wird bei Erhitzung weitgehend zerstört). Fruchtzucker scheint im Vergleich zu Glukose ebenfalls die Eisenaufnahme zu verbessern.

Der Verzehr von tierlichem Eiweiß kann Sodbrennen hervorrufen, das mit Magensäurehemmern (Antazida) behandelt wird. Bei zu wenig Magensäure ist aber die Aufnahmefähigkeit für Häm-Eisen verringert. Deshalb leiden viele Fleischesser an Anämien.

Die Aufnahme von Häm-Eisen aus Fleisch und Milch wird inzwischen in mehreren Studien mit der Entstehung und dem Wiederauftreten von Darmkrebs, Bauchspeicheldrüsenkrebs und Gebärmutterkrebs in Verbindung gebracht(7).

Andere Stoffe wie Oxalate und Phytate können die Eisenaufnahme wieder behindern. Das ist jedoch stark von der Zubereitungsart des jeweiligen Nahrungsmittels abhängig. Das einfache Einweichen von Getreide in Wasser aktiviert zum Beispiel Enzyme, die die Phytate aufspalten und so die Eisenaufnahme wieder verbessern.

An dieser Stelle möchte ich einmal daran erinnern, dass die Natur immer bestrebt ist, ein optimales Gleichgewicht aufrecht zu erhalten. Es scheint also im wahrsten Sinne des Wortes „natürlich“ zu sein, wenn die Aufnahme bestimmter Spurenelemente begrenzt wird. Leider gibt es viel zu wenige Studien, die Vegetarier und Veganer miteinander vergleichen. In 20 Jahren wissen wir darüber vielleicht mehr.

Zink

Zink findet sich in der veganen Nahrung hauptsächlich in Hülsenfrüchten, Vollkornprodukten, Nüssen und Samen. Interessanterweise finden sich in diesen Nahrungsmitteln auch wieder Phytate, die eine Aufnahme behindern können. Hier zeigt sich, wie wichtig eine vollwertige Ernährung ist, denn der höhere Zinkgehalt in Vollkornmehl kompensiert das Vorhandensein der Phytate. Aus Vollkornprodukten wird 50% mehr Zink absorbiert als aus Auszugsmehlprodukten (8).

Omega-3 und Omega-6 Fettsäuren

Möglicherweise lag Herrn Duo Li beim Verfassen seiner Übersichtsarbeit die Publikation aus der EPIC-Kohortenstudie vom Herbst 2010 noch nicht vor, aus der hervorgeht, dass Veganerinnen bessere Omega-3 Werte haben als Vegetarierinnen oder sogar Fischesserinnen(9) . Bisher wurde von den Wissenschaftlern angenommen, dass der Körper die Alpha-Linolsäure aus Pflanzen nicht ausreichend zu EPA und DHA umwandeln kann, das sind die Fettsäuren, die in Fischfett vorkommen. Nun zeigt sich durch die Erhebung an über 14.000 Personen deutlich, dass Veganer ausreichende  Mengen dieser kurzkettigen Fettsäuren in langkettige umwandeln.

Vit B12

Über kaum ein Thema wird so heftig gestritten, wie über Vit. B12. Der Öffentlichkeit wird vorgegaukelt, das sei ein Thema, das nur Veganer betreffe. Tatsache ist, eine beträchtliche Anzahl Allesesser leidet ebenfalls unter Vit. B12-Mangel. Die Arztpraxen sind voll von Menschen, die regelmäßig Aufbauspritzen mit diesem wichtigen Stoff bekommen. In Altersheimen leiden bis zu 40% der Bewohner an B12-Mangel.

Vit. B12 wird von Bakterien hergestellt. Die befinden sich im Darm von Tieren, aber auch im Boden, dort werden sie von Pflanzenfressern aufgenommen.

In einem gesunden Darm kann Vit. B12 selbst produziert werden, wenn die Nahrung ausreichend Spuren von Cobalt aufweist. Allerdings haben die meisten Menschen eine geschädigte Darmschleimhaut durch die Übersäuerung, die beim Verzehr tierlicher Nahrungsmittel, Kaffee, Tee, Alkohol, etc. entsteht, oder z.B. auch durch wiederholte Antibiotikabehandlungen und deshalb ist diese Quelle eher unzuverlässig. Manche Pflanzen enthalten abhängig vom Boden, auf dem sie wachsen, Spuren von B12 (z.B. Sanddorn), aber darüber gehen die Meinungen sehr auseinander. Vegane Rohköstler, die auch Wildpflanzen verzehren und ihre Nahrung nie über 42° C erhitzen, leiden jedenfalls so gut wie nie unter einem B12-Mangel.

Vitamin B12 ist für die Versorgung der Nerven unverzichtbar. Die Symptome eines Mangels zeigen sich oft erst unspezifisch: Antriebsmangel, beschleunigte Alterung, Depressionen, Vergesslichkeit bis zur Demenz. Missempfindungen, Taubheitsgefühle, Zittern und ähnliche Symptome sind höchste Alarmzeichen und erfordern sofortiges Handeln.

Vit. B12 wird in der Leber gespeichert und die Speicher reichen bei gesunden Menschen für mehrere Jahre – ein Selbstversuch mit veganer Ernährung über einige Wochen führt also nicht gleich zu Mangelzuständen. Ich empfehle, in jedem Fall zu Beginn einer Umstellung auf die vegane Ernährung die Werte prüfen zu lassen, damit Ihnen und ggf. Ihrem Arzt klar ist, ob ein Mangel bereits bestand oder nicht. Bei guten Werten reicht es, alle 2-3 Jahre erneut zu prüfen. Bei einem Mangel müssen Sie entweder ab und zu eine Tablette nehmen oder es muss gespritzt werden, nämlich immer dann, wenn der Darm das Vitamin durch die vorangegangenen Schädigungen schon gar nicht mehr aufnehmen kann. Das erkennt man, wenn man eine Zeit lang Tabletten genommen hat und sich die Werte nicht verbessert haben.

Homocystein

Wenn Vit. B12 zu niedrig ist, ist Homocystein fast immer zu hoch. In dieser multifaktoriellen Balance spielen auch noch Vit. B6 und Folsäure eine Rolle. Zusammen mit den Cholesterinwerten dient der Homocystein-Wert der Abschätzung der Schädigung von Blutgefäßen, was zu Herzinfarkt und Schlaganfall führen kann. Doch auch bei Demenz und bei geistiger Behinderung hat man schon erhöhte Homocystein-Werte gefunden. Darüber hinaus entstehen sie häufiger bei Menschen, die Alkohol trinken, rauchen, aber auch als Nebenwirkung mancher Medikamente.

Medikamente als Ursachen für Mangelerscheinungen

Dieser Punkt wird in der Diskussion über die „richtige Ernährung“ gern außer Acht gelassen. Medikamente greifen jedoch tief in den Stoffwechsel der Menschen ein. Eine niederländische Studie untersuchte 2010 den Einfluss von Metformin, dem häufigsten Diabetes-Medikament, auf Patient_innen mit Diabetes Typ-2, früher Altersdiabetes genannt.

Wenn diese Menschen längerfristig mit dem Medikament Metformin behandelt werden, sinken der Vitamin B-12 Spiegel sowie die Folsäure und das Homocystein steigt an (10). Zu Beginn sackt der B-12 Spiegel stärker ab, nach einer Weile langsamer, aber er sinkt stetig. Metformin galt bisher als ein Medikament, das weniger Risiken für Herzerkrankungen bei Diabetikern bewirkt. Dies muss nun infrage gestellt werden. Vor allem aber wird an diesem Beispiel noch einmal klar, dass Vitamin B-12 kein Thema nur für Veganer ist.

Fazit

Man kann sich wirklich in Studien und biochemischen Details verlieren und darüber den Blick für den ganzen Menschen einbüßen. Veganer sollten sich sehr bewusst, vielfältig, abwechslungsreich und vollwertig ernähren. Damit wirken sie Mangelerscheinungen am besten entgegen. Eine systematische Einnahme von Vitaminpräparaten ist nicht empfehlenswert, wohl aber die Überprüfung der Blutwerte in individuell angepassten Abständen, um sich Klarheit zu verschaffen und gegebenenfalls einem Mangel entgegenzuwirken. Dies gilt nicht nur für Veganer sondern für alle Menschen.


(1) Appleby PN, Davey GK, Key TJ.M Hypertension and blood pressure among meat eaters, fish eaters, vegetarians and vegans in EPIC-Oxford. Public Health Nutr. 2002 Oct;5(5):645-54.

(2) Janet R. Hunt; Am J Clin Nutr September 2003 vol. 78 no. 3 633S-639S

(3) Madeleine J Ball and Melinda A Bartlett ; American Journal of Clinical Nutrition, Vol. 70, No. 3, 353-358, September 1999

(4) 1. Wichtiger Übersichtsartikel:  http://www.scielo.br/scielo.php?pid=S0021-75572006000200015&script=sci_arttext&tlng=en darin zusätzlich die Referenzen:
•    Oliveira MAA, Osorio MM. Consumo de leite de vaca e anemia ferropriva na infância. J Pediatr (Rio J). 2005;81:361-7
•    Fernandes S, Morais MB, Amancio OMS. Perda de sangue oculto nas fezes como fator agravante da deficiência de ferro em lactentes. Anais do Congresso Brasileiro de Gastroenterologia Pediátrica; 2004; Salvador.
2. Male C, Persson LA, Freeman V, Guerra A, van’t Hof MA, Haschke F; Euro-Growth Iron Study Group. Prevalence of iron deficiency in 12-mo-old infants from 11 European areas and influence of dietary factors on iron status (Euro-Growth study). Acta Paediatr. 2001 May;90(5):492-8.

(5) P. B. Sullivan; Department ofPaediatrics; Arch Dis Child. 1993 February; 68(2): 240–245.

(6) SR Lynch, SA Dassenko, TA Morck, JL Beard and JD Cook, American Journal of Clinical Nutrition, Vol 41, 13-20; 1985

(7) Vier Studien

•    Ishikawa SI et al.: Heme induces DNA damage and hyperproliferation of colonic epithelial cells via hydrogen peroxide produced by heme oxygenase: A possibile mechanism of heme-induced colon cancer; Mol Nutr Food Res. 2010 Jan 28.
•    Cross AJ et al: A large prospective study of meat consumption and colorectal cancer risk: An investigation of potential mechanisms underlying this association: Cancer Res. 2010 mar 9
•    Polesel J. et al.: Dietary habits and risk of pancreatic cancer: an Italian case-control study; Cancer Causes Control. 2009 Nov. 29
•    Kallianpur AR et al: Dietary iron intake and risk of endometrial cancer: a population-based case-control study in Shanghai, China; Nutr Cancer. 2010-62(1): 40-50

(8) Janet R. Hunt; Am J Clin Nutr September 2003 vol. 78 no. 3 633S-639S

(9) Welch AA, Shakya-Shrestha S, Lentjes MAH, Wareham NJ, Khaw KT. Dietary intake and status of n-3 polyunsaturated fatty acids in a population of fish-eating and non-fish-eating meat-eaters, vegetarians, and vegans and the precursor-product ratio of a-linolenic acid to long-chain n-3 polyunsaturated fatty acids: results from the EPIC-Norfolk cohort. Am J Clin Nutr. 2010;92:1040-1051.

(10) Long term treatment with metformin in patients with type 2 diabetes and risk of vitamin B-12 deficiency: randomised placebo controlled trial BMJ 2010; 340:c2181

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