Immer wieder wird vor der veganen Ernährung von Kindern und Jugendlichen gewarnt, doch leider fehlen stichhaltige Argumente dagegen. Dies ist gerade wieder an einem Artikel in der österreichischen Presse (1) gut nachzuvollziehen. Dr. Sibylle Koletzko, Kinderärztin, die u.a. häufig für das Nestlé Ernährungsinstitut schreibt, warnt gleich vor allem: Ernährungsfehler, Essstörung und Makrobiotik werden in ihren Ausführungen zu einem wirren Süppchen gerührt, gewürzt wird mit Ausgrenzungsängsten und B12-Mangelgespenstern. Die größte Gefahr: eine vegane Ernährung von Kindern und Jugendlichen.

Als Beleg führt die Dame dann eine uralte Studie zur makrobiotischen Ernährung heran, deren Qualität an sich ich jetzt gar nicht beurteilen möchte. Sie wird auch von der DGE benutzt, die sich schon seit Jahren darauf beruft und ebenfalls vor der veganen Ernährung bei Kindern und Jugendlichen warnt. Doch was ist dran, an diesen Warnungen, wenn man noch nicht einmal eine Studie finden kann, die einer gut geplanten, vielfältigen veganen Ernährung negative Auswirkungen bescheinigt?

Die amerikanische Gesellschaft für Ernährung hat in ihrem Positionspapier schon vor Jahren deutlich gemacht, dass die vegane Ernährung in jedem Lebensalter, einschließlich Schwangerschaft, Stillzeit, Kindheit und Jugendalter eine geeignete Ernährungsform ist. Darüber hinaus bescheinigt sie ihr positive Auswirkungen auf Cholesterinwerte, Bluthochdruck, Typ-2 Diabetes und sogar eine Schutzwirkung vor Krebserkrankungen. (2)

Das immerwährende Thema der Versorgung mit Vitamin B12 betrifft neben Veganer*innen alle anderen Ernährungsformen. Besonders in der zweiten Lebenshälfte sinkt die Fähigkeit zur Aufnahme dieses Vitamins. Geschätzte 40% aller Senioren in Deutschland leiden an einem B12-Mangel. Nur deshalb gibt es auch so viele verschiedene Präparate in den Apotheken. Für eine Randgruppe wie die Veganer allein würde sich dieser Aufwand nicht lohnen. Besonders auch Medikamente wie Metformin, das sehr häufig zur Senkung des Blutzuckers bei Typ-2 Diabetes verschrieben wird, verursachen als Nebenwirkung einen B12-Mangel.

Warum also wird die pflanzenbasierte Ernährung so vehement bekämpft? Warum bezeichnet man Veganer*innen als Ernährungsfanatiker, aber Fleischesser*innen, die ihre Sichtweise mit bewusst oder unbewusst fehlerhaft gewählten Argumenten zu vertreten  suchen als „normal“?

Als Ernährungsexpertin sehe ich ständig, wie Menschen nach einer Ernährungsumstellung auf die vegane Ernährung Krankheiten in den Griff bekommen, die sie sonst nur mit einer lebenslangen Medikamenteneinnahme kontrollieren könnten. Ich sehe Patient*innen, die nach Jahren täglicher Insulininjektionen die Spritzen wieder loswerden. Ich sehe Patient*innen, die sogar im hohen Alter ihren Medikamentenbedarf senken, Operationen entgehen, wieder beweglicher werden, wieder mehr Lebensqualität haben. Wenn das Schule macht, sind Pharma- und Lebensmittelindustrie in Gefahr. Schließlich bedeutet wirtschaftliches Wachstum in ihrem Fall, dass die Zahl der Kranken stetig ansteigt.

Vielleicht verteidigen Medizin- und Lebensmittelindustrien ihre Pfründe deshalb teilweise mit ethisch fragwürdigen Mitteln. In o.g. Artikel wurde dann auch die Geschichte einer Patientin verzerrt, aber dennoch erkennbar wiedergegeben, deren Einverständnis dazu gar nicht erst eingeholt wurde. Ein junges Mädchen von 15 Jahren steht nun unter Schock, weil ihre Persönlichkeitsrechte verletzt wurden. (3) Sie schreibt einen Blog über die Vielfalt veganer Ernährung und musste in der Zeitung lesen, sie würde sich nur von Reiswaffeln ernähren. Ihre Erkrankung, unter der sie praktisch seit der Geburt leidet, wurde ohne Beweise auf ihre Ernährung zurückgeführt. Solch eine Berichterstattung ist skandalös, aber vor allem die vortragende Ärztin hat in meinen Augen zutiefst unethisch gehandelt.

Gandhi wird der Satz zugeschrieben: „zuerst lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.“ Die vegane Lebensweise ist offensichtlich in Phase 2 angekommen.

 

Nachtrag vom 23.1.2012: Hinter dem Link zum Artikel erscheint nun vor dem Originaltext eine Gegendarstellung. Die Aussagen seien so nie gemacht worden, insbesondere habe sie nicht gesagt, dass eine vegane Ernährung bei Jugendlichen eine besondere Gefährdung bedeute. Die Zeitung hatte den Artikel von einer Presseagentur übernommen, diese wurde ebenfalls zu einer Stellungnahme aufgefordert.

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