sarah-wienerWann immer ich Promi-Köchin Sarah Wiener im Fernsehen sehe, weiß ich schon, was kommt. Sie steht für all die Menschen, die mir auf den Satz „Ich lebe vegan“ ein reflexartiges „Ich esse auch nur ganz wenig Fleisch und wenn, dann nur von Tieren aus artgerechter Haltung“ entgegenschmettern. Eine intelligente Frau, bei der ich mich jedes Mal frage, wie sie es schafft, einerseits für gesunde Ernährung zu plädieren und trotzdem noch den Fleischkonsum zu rechtfertigen. Diese kognitive Dissonanz versucht sie auch Kindern zu vermitteln, hat sogar eine Stiftung dafür gegründet. Trotzdem ist sie von allen Verfechter*innen des Fleischkonsums, die ich so kenne, diejenige, die sich die meisten Gedanken über die Produktion der Nahrungsmittel macht.

In ihrem neuesten Gastartikel hat Frau Wiener nun festgestellt, dass vegan „auch keine Lösung“ sei. Die Lebensmittelindustrie produziert auf dem veganen Sektor inzwischen genau so ungesunde und fettige Produkte wie sie das bereits für die Fleisch essende Bevölkerung tut. Das ist einer der Punkte, in denen ich ihr völlig Recht gebe. Die Zeiten, in denen die vegane Ernährung eine uneingeschränkt positive Beurteilung als gesunde Ernährung erhielt, sind definitiv vorbei. Wobei die Sojamilch nicht zu den bösen Sachen gehört, über die es sich aufzuregen lohnt. Die kann nämlich jede*r bequem zu Hause herstellen, genau wie Tofu oder Sojaghurt. Darüber hinaus gibt es zahlreiche andere Alternativen aus Getreide oder Nüssen, für alle, die die Vielfalt lieben. Dafür braucht man keine Fabrik. Die Kuhmilch, auf die Frau Wiener nicht verzichten möchte, enthält neben einem Hormoncocktail für schnelles Wachstum noch jede Menge Kasein, Reste von Blut und Eiter aus den entzündeten Eutern sowie erstaunliche Umweltgifte und Medikamentenrückstände, wie ich schon an anderer Stelle dargelegt habe.  Die Fabrikprodukte, die Sie auch in veganer Form nur gelegentlich verzehren sollten, sind die getrockneten texturierten Sojaprodukte oder eben die Fertiggerichte in Form von veganem Gyros, oder der Soja-Truthahn.

Jetzt aber gleich zu erklären, vegan sei auch nicht die Lösung ist dann aber wieder viel zu kurz gegriffen. Gesundheitlich gesehen sind vegane Fertigprodukte zwar auch zu fettig und enthalten verstecktes Salz und Zucker, trotzdem bieten sie gegenüber herkömmlichen Produkten ein paar wesentliche Vorteile. Fleisch- und Milchprodukte enthalten ja nicht nur große Mengen an Cholesterin und gesättigten Fetten, sie sind darüber hinaus voller Hormone, vor allem Wachstums- und Sexualhormone. Natürlich auch das Bio-Fleisch, denn auch im Bio-Bereich werden junge Tiere geschlachtet, Tierkinder, die sich noch in der Entwicklung befinden. Da ist es kein Wunder, dass die Wissenschaft feststellen musste, dass der Verzehr von Fleisch bei Mädchen zu früherer Pubertät führt und mit Herzerkrankungen, Osteoporose sowie hormonabhängigen Krebsformen in Verbindung gebracht wird.[1]  Auch das hochgelobte Eisen aus Tierblut, ohne dass Menschen angeblich nicht leben können, wurde in mehreren Studien als Mitverursacher von Darm- Bauchspeicheldrüsen- und Gebärmutterkrebs identifiziert.[2]  Pflanzliches Eisen ist kein solcher Risikofaktor.

Auch im Bio-Sektor werden Antibiotika verabreicht, deren Rückstände sich auf dem Teller der Verbraucher*innen wiederfinden. Der Bio-Produktanteil bei Tierprodukten liegt in Deutschland übrigens zwischen 0,8 und  2%.

Zu behaupten, dass vegane Produkte die Böden erodieren lassen und das Klima versauen, ist angesichts der schlechten Klimabilanz von Fleisch einfach lächerlich. Maximal 2% des Sojaanbaus werden für vegane Produkte verwendet und bei uns wird dafür kein Regenwald abgeholzt, sondern es wird in Europa angebaut. Vegane Produkte vergiften das Wasser nicht, wohl aber die Tierhaltung, die sogar schon unser Grundwasser verseucht hat. Für eine Scheibe des Sonntagsbratens, den Frau Wiener empfiehlt, werden bei einer Portionsgröße von 180 g 2.700 l Wasser benötigt. Für ein Glas Milch, das gesundheitlich nur Nachteile hat, sind es 200 l.

Es ist schlicht falsch, dass wir irgendwelche Stoffe bräuchten, die uns nur Tierprodukte liefern können und schon gar nicht irgendwelche nebulösen tierischen Enzyme. Selbst bei der Argumentation über Vitamin B12, das ein Produkt von Bakterien ist und den Tieren in den allermeisten Fällen als Ergänzung ins Futter gemischt wird, kann man nicht darüber hinwegsehen, dass die negativen Aspekte die positiven deutlich überragen. Außerdem ist der Vitamin B12 Mangel kein veganes Problem, sondern betrifft auch viele Allesesser*innen. Ich erlebe im Umgang mit Patient*innen viel mehr die positiven Auswirkungen einer Umstellung auf die vegane Ernährung, allerdings ohne bzw. mit nur ganz wenig Fertigprodukten, da sind Sarah Wiener und ich uns einig. Menschen brauchen dann oft sehr schnell weniger oder gar keine Blutdruck- oder Diabetesmedikamente mehr, chronische Entzündungen bessern sich und die Lebensqualität steigt.

Das Märchen von der artgerechten Tierhaltung

Wir können dieses Thema nicht abschließen ohne noch einen wichtigen Punkt zu erwähnen. Es gibt kein artgerecht produziertes Fleisch, denn es ist nicht artgerecht, Tiere einzusperren, sie zu zwingen als viel zu junges Tier selbst Babys zu bekommen, die man ihnen auch gleich wieder wegnimmt. Es ist nicht artgerecht, dass Kälber nicht bei der Mutter sein können, bis sie sich selbst entwöhnen. Es ist nicht artgerecht, dass die reinlichen und überaus intelligenten Schweine ihr Leben im Dreck verbringen müssen. Es ist nicht artgerecht, dass Tiere nicht ihre natürliche Lebensspanne auskosten dürfen. Auch in Bio-Ställen finden all diese Gräuel statt, wenn auch manchmal in abgemilderter Form. Wenn Sie wissen möchten, wie artgerechte Tierhaltung aussieht, besuchen Sie doch einmal Hof Butenland.

Also Frau Wiener und alle anderen: Die Lösung ist ganz einfach. Denn die simpelsten Wahrheiten sind immer noch die besten: Kochen Sie selber und mit natürlichen Zutaten. Kaufen Sie saisonal und regional. Und essen Sie statt Fleisch gelegentlichen einen Seitanbraten. Wenn Sie, Frau Wiener, das so selten machen, wie Sie Fleisch essen, kann ihr Körper das mindestens genauso gut verkraften wie das Fleisch. Als Köchin dürfte es Ihnen auch nicht schwer fallen, leckere vollwertige Gerichte ohne Tierprodukte zu kreieren.

 


[1] Rogers IS, Northstone K, Dunger DB, Coooper AR, Ness AR, Emmett PM. Diet throughout childhood and age at menarche in a contemporary cohort of British girls. Public Health Nutr. Published ahead of print June 8, 2010
[2] Ishikawa SI et al.: Heme induces DNA damage and hyperproliferation of colonic epithelial cells via hydrogen peroxide produced by heme oxygenase: A possibile mechanism of heme-induced colon cancer; Mol Nutr Food Res. 2010 Jan 28.
Cross AJ et al: A large prospective study of meat consumption and colorectal cancer risk: An investigation of potential mechanisms underlying this association: Cancer Res. 2010 mar 9
Polesel J. et al.: Dietary habits and risk of pancreatic cancer: an Italian case-control study; Cancer Causes Control. 2009 Nov. 29
Kallianpur AR et al: Dietary iron intake and risk of endometrial cancer: a population-based case-control study in Shanghai, China; Nutr Cancer. 2010-62(1): 40-50

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