cow-56040_640Die Bundesregierung stellt der Wirtschaft 2,4 Milliarden Euro zur Verfügung, um die Unternehmen zu animieren, neue Stoffe zu entwickeln, die unsere Abhängigkeit von Erdöl verringern sollen (1). Die neuen Grundstoffe heißen Rapsöl, Holz oder Hanf – und Milch. Die Kleidung aus Milchfasern, bzw. genauer aus Kasein, einer leimartigen Substanz, hat schon 2011 einen mit 50.000 Euro dotierten Umweltpreis gewonnen.

Die Milch, die für die Herstellung dieser Kleidung verwendet wird, war nicht mehr für den Handel zugelassen, deshalb gehört diese Kleiderherstellung für die Landwirtschaftsministerin Aigner in die Recycling-Ecke. Bevor man die Milch kostenpflichtig entsorgen muss, ist es doch viel besser, noch etwas Sinnvolles daraus herzustellen. Nachhaltig. Hurra.

Erweitert man aber den Blick auf die realen Kosten und Risiken, die bei der Produktion von Milch anfallen, dann sieht die Angelegenheit ganz anders aus.

Milch wächst schließlich nicht auf Feldern oder Bäumen, sondern ist eigentlich das Grundnahrungsmittel für Kälber. Jede Kuh, die Milch gibt, hat zuvor ein Kalb geboren. Es wird bereits kurz nach der Geburt von der Mutter getrennt und bekommt statt Muttermilch und mütterlicher Zuwendung Austauschnahrung aus dem Labor. Ist es weiblich, erwartet es dasselbe Schicksal wie schon seine Mutter, ist es männlich kann es auch sein, dass es schon nach wenigen Wochen geschlachtet wird und als Kalbfleisch auf den Tellern oder im Hundefutter landet. Die Kleiderproduktion aus Milchfasern verschärft diesen für die Tiere extrem leidvollen Zustand noch, weil sie auch das Kolostrum verwendet, die Milch der ersten Tage, die eben nicht für den Handel zugelassen ist (2) .

Die Kühe müssen gefüttert, ihre Futtermittel angebaut oder importiert werden. Außer einigen wenigen Biobetrieben mit sehr strengen Verbandsrichtlinien verfüttern die Milchproduzenten – das Wort Bauer ist hier meist völlig unangemessen – an die Kühe einen Großteil importiertes und teilweise genetisch verändertes Kraftfutter, damit die Milchleistung so hoch wie möglich ist. Für den Futteranbau werden in anderen Teilen der Welt täglich große Regenwaldflächen gerodet und natürlich erfordert der Transport den Einsatz von Erdöl. Gegenüber einer „normalen“ Kuh geben die heutigen Hochleistungskühe bis zu 12 Mal so viel Milch. Euterentzündungen gehören zum normalen „Tagesgeschäft“ und werden mit Antibiotika in Schach gehalten. Die Gewinnmaximierung erfordert, dass die Kühe ihr Leben meist ohne große Bewegungsmöglichkeiten in Ställen angebunden verbringen. Kurz nach der Geburt des Kalbes wird die Kuh erneut künstlich befruchtet. Nach 4-5 solcher Zyklen verringert sich meist die Milchleistung, sodass die Kuh geschlachtet und durch eine der Töchter ersetzt wird.

Die Herstellung von einem Liter Milch erfordert umgerechnet 1.000 l Wasser, allein das ist schon eine starke Umweltbelastung. Der Wasserverbrauch entsteht zum großen Teil bei der Erzeugung der Futtermittel. Das bedeutet langfristig niedrigere Grundwasserspiegel in Anbauregionen mit intensiver Produktion. Bei der durchschnittlichen Milchleistung von 20 l pro Tag, sind das 20.000 l Wasser pro Tag und Kuh. 2012 wurden in Deutschland zum ersten Mal über 30 Milliarden Kilogramm Milch produziert (3), das entspricht dann 30.000.000.000.000 l (= 30 Billionen Liter) Wasser. Es bedeutet auch über 4 Millionen Kühe, die zwei Mal täglich gemolken werden sowie ebenfalls über 4 Millionen Kälber, die von der Mutter getrennt wurden.

Sie verbrauchen jedoch nicht nur Wasser, Kühe und Rinder verursachen auch einen sehr hohen CO2-Ausstoß und große Mengen an Exkrementen. Diese – mit den Medikamentenrückständen versetzt – werden als Gülle und Mist auf die Felder ausgebracht, wo sie in Gegenden mit einer großen Dichte an Tieren sogar das Grundwasser belasten sowie Flüsse und Seen. Sogar die Ostsee ist durch die intensive Tierhaltung schwer in Mitleidenschaft gezogen (4). Mit diesem Grundwasser werden darüber hinaus wieder Felder bewässert, daher geraten Krankheitserreger wie das Darmbakterium, das die EHEC-Epidemie von 2011 auslöste, nicht nur ins Fleisch und in die Milch, sondern über den Dünger und die Bewässerung der Felder auch auf pflanzliche Nahrungsmittel. Seit Beginn dieses Jahres ist in Deutschland auch wieder die Tuberkulose in den Ställen aufgetreten. Hunderte Tiere wurden bereits getötet, ihr Fleisch entsorgt. Menschen haben sich ebenfalls angesteckt.

Selbst wenn jemand der Auffassung sein sollte, wir hätten das Recht, mit Tieren so umzugehen, wie wir es tun, kann man bei der Betrachtung all dieser Fakten, die mit der Milchproduktion einhergehen, wohl kaum auf den Begriff der Nachhaltigkeit kommen. Wir werden die Milchproduktion und Tierhaltung allgemein drastisch verringern müssen, um unsere Umwelt, unsere Gesundheit und die Tiere zu schützen. Das sieht Christine Lang, geschäftsführende Gesellschafterin des Bioökonomierats, der die Bundesregierung berät, anders: „Wichtig ist die Wirtschaftlichkeit“, sagt sie.


Quellen und weiterführende Links:

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