Ein Erfahrungsbericht von Shubhanshu Singh Chauhan

Viele Leute haben mich gefragt, warum ich vegan esse und ich hätte schon längst zu diesem Thema antworten sollen. Aber bevor ich mich da hinein stürze, möchte ich zuvor noch sagen, dass es mir nicht darum geht, Sie vom Veganismus zu überzeugen. Viele Veganer überzeugen gern andere, doch für mich ist das eine persönliche Entscheidung und keine Religion. Es ist mir sowieso aufgefallen, dass die Menschen zu Veganern werden, wenn sie dafür bereit sind, nicht weil man ihnen Statistiken und Gesundheitswissen um die Ohren gehauen hat. Ein englisches Sprichwort sagt: „A man convinced against his will is of the same opinion still.“ [wörtl.: ein Mensch, der gegen seinen Willen überzeugt wird, bleibt doch bei der gleichen Meinung]. Verstehen Sie also diesen Artikel als Insiderbericht von meinem Weg zu einer veganen Ernährung und nicht als rhetorischen Bekehrungsversuch.

Vegetarier werden…

Nachdem ich den größten Teil meines Lebens tierische Nahrungsmittel gegessen hatte, begann ich in den frühen Neunziger Jahren als Teil meines neu entstandenen Interesses an persönlichem Wachstum Gesundheitsbücher zu lesen. Meine erste Veränderung bestand in einer fettarmen Ernährung und regelmäßigem Sport. Dann ging ich von fettarmer zu entrahmter Milch über, bevorzugte mageres Fleisch und reduzierte stark fetthaltige Produkte wie Käse und Butter. Ich verringerte auch meinen Zuckerkonsum, indem ich auf Diätlimos umstieg. Laufen wurde mein hauptsächlicher Sport, und ich lief täglich 25 Minuten, manchmal sogar länger. Im Großen und Ganzen könnte man sagen, dass ich mich recht guter Gesundheit erfreute (keine größeren Gesundheitsprobleme oder ernsthafte Erkrankungen). Ich habe niemals geraucht und mied auch den Alkohol, außer zu besonderen Gelegenheiten.

Irgendwann wurde ich dann neugierig auf die vegetarische Ernährung, nachdem ich darüber gelesen hatte. Ich las, dass Vegetarier anscheinend länger leben, weniger Schlaf brauchen und weniger Risiken für schwere Erkrankungen wie Krebs und Herzerkrankungen haben. Das hörte sich verführerisch an, aber ich wollte nicht wirklich für den Rest meines Lebens Vegetarier sein. Ich fand, das sei dann doch ein bisschen zu extrem und wahrscheinlich unnötig. Im fortgeschrittenen Teenageralter hatte ich einen vegetarischen Freund (ein hagerer indischer Junge) und ich fand es merkwürdig, dass er nie Pepperoni-Pizza essen konnte. Aber er schien recht gesund und intelligent zu sein. Wenn wir zusammen Poker spielten, schlug er mich regelmäßig.

Im Juni 1993 gewann meine Neugier die Oberhand, und ich beschloss, 30 Tage lang ovo-lacto vegetarisch zu leben, um herauszufinden, wie das wohl so war (kein Fleisch oder Fisch, aber Milchprodukte und Eier). Dann würde ich es zumindest wissen und wäre damit durch. Ich hatte schon genug Gewohnheitsänderungen hinter mir um zu wissen, dass eine neue Haltung von außen immer anders aussieht als wenn man darin steckt. Und ich wollte die Insiderperspektive dieser Ernährungsweise kennen lernen. Ansonsten würde ich mein ganzes Leben lang nicht wissen, wie sich das wirklich anfühlt. Ich war 22 Jahre alt und dachte, ich könne diese Erfahrung jetzt ruhig machen. Ich erwartete nichts anderes, als nach den 30 Tagen wieder zu meiner vorherigen Ernährungsweise zurückzukehren.

Ich war überrascht, wie leicht es war, Vegetarier zu werden. Ich dachte man bräuchte eine Menge Disziplin, aber so war es gar nicht. Ich musste nur die offensichtlichen Dinge ersetzen: Käse- oder vegetarische Pizza anstatt Pepperoni, Nudelgerichte, Reisgerichte, kurz gebratenes Gemüse, und so weiter. Wenn ich das heute machen würde, wäre es noch viel leichter, wegen all der vegetarischen Produkte, die es heutzutage auf dem Markt gibt und die damals noch gar nicht zur Verfügung standen. Ich kaufte mir ein vegetarisches Kochbuch (das ich heute noch besitze), das mir mit ein paar Rezepten half, aber im Großen und Ganzen fand ich, dass Fleisch wegzulassen eine schmerzlose Angelegenheit war.

Ich hatte keine Entzugsymptome oder Entgiftungseffekte (keine Kopfschmerzen oder Rückenschmerzen oder irgend ein n dieser Richtung). Ich war zu Beginn dieses Experiments nicht übergewichtig und erinnere mich nicht, viel Gewicht verloren zu haben, aber ich bemerkte einen Anstieg in meiner allgemeinen Energie und fühlte mich auch während meiner morgendlichen Läufe energiegeladener. Ich bemerkte auch, dass ich mich besser konzentrieren konnte, besonders während der Meditation oder während ich programmierte. Dieser Anstieg war nicht riesig, aber deutlich.

Am Ende der 30 Tage hatte ich mich gut an diese Lebensweise gewöhnt und fand es so leicht, dass ich mir überhaupt keinen guten Grund vorstellen konnte, sie wieder abzulegen. Nachdem ich meine Rückkehr zum Fleischesser-Leben mehrere Monate lang immer wieder verschoben hatte, wurde mir schließlich klar: „ich vermute, ich bin Vegetarier.“ Nach und nach verlor ich jegliches Verlangen nach Fleisch, sodass die alten Nahrungsmittel mich gar nicht mehr reizten. Ich hatte nicht das Gefühl von Entbehrung, denn ich aß, wonach mich natürlicherweise verlangte. Mit der Zeit wurde der Gedanke Tiere zu essen abstoßend für mich, nicht von einem moralischen Standpunkt aus, sondern von einem geschmacklichen (ich wollte kein totes Fleisch mehr in meinen Mund stopfen).

Als ich 1994 Erin traf, war sie keine Vegetarierin. Tatsächlich war ihre Ernährung ziemlich schlecht, sie bestand hauptsächlich aus großen Mengen an Fast Food. Schließlich beschloss auch sie, 30 Tage lang vegetarisch zu leben (ohne es mir überhaupt zu sagen) und ihre Erfahrung verlief ganz ähnlich als meine. Nach 30 Tagen wollte sie schlicht nicht mehr zurück.

Vegan werden…

Während meiner vegetarischen Zeit dachte ich ab und zu darüber nach, alle tierischen Produkte aufzugeben und 100 Prozent vegan zu leben. Von dem, was ich bisher darüber gelesen hatte, war ich überzeugt, dass die vegane Ernährung gesünder für mich sein würde, als die ovo-lacto vegetarische Ernährungsweise. Ich besuchte auch Tony Robbins Feuerlaufseminar 1996 und erfuhr von der Fit for Life Ernährung und las das entsprechende Buch. Tony ist der energiegeladenste Mensch, den ich je gesehen habe und er plädierte für eine hauptsächlich vegane Ernährungsweise. Ich wurde neugierig darauf, wie sich eine vegane Ernährung wohl auf mein Energieniveau auswirken würde.

Erin und ich lernten damals Tae Kwon Do und ich interessierte mich auch für Langstreckenlauf, daher zog mich das Versprechen der hohen Energie einer veganen Ernährung besonders an. Ich hatte schon nach der Umstellung auf das vegetarische Leben einen Energieschub erhalten, daher fiel es mir nicht schwer zu verstehen, dass die Umstellung auf vegan noch besser sein würde.

Sie sehen, es war nicht der Tierschutz oder Umweltgedanken, die mich zum Veganismus motivierten, es war einfach die Möglichkeit, mich mehr Energie und Lebenskraft zu erfreuen. Ich wünschte, ich wäre die Art Mensch gewesen, die wirklich auf diese anderen Argumente für Veganismus gehört hätte, aber ich muss ehrlich sein und zugeben, dass das nicht so war. Meine Neugier entstand ausschließlich aus Eigeninteresse.

Im Januar 1997 beschlossen Erin und ich, 30 Tage lang vegan zu leben, um zu sehen, wie sich das anfühlte. Wir waren jedoch beide davon überzeugt, dass es zu hart und zu fanatisch wäre, um es auf lange Sicht aufrecht zu erhalten. Wir dachten ständig an all die leckeren Sachen, die wir aufgeben müssten (das härteste für mich war Käsepizza und vegetarische Käseomeletts). Aber wir fanden, 30 Tage seien zu schaffen. Dann würden wir zumindest wissen wie es sei und wenn diese Ernährung uns niedermachen würde, könnten wir ganz bequem daraus schließen, dass sie nicht für uns geeignet sei.

Vegan zu werden war ganz anders als Vegetarier zu werden. In den ersten sieben Tagen verloren wir beide jeder sieben Pfund! Wir aßen eine Menge Kalorien und tranken viel Wasser, woher kam dann dieses Gewicht? Im Ernst, es ging die Toilette hinunter. Ein ganzer Klumpen lebenslang angehäufter Milchprodukte wurde aus unserem Darm heraus gewaschen. Wow! Wir hatten schon von Entgiftung gehört, aber sieben Pfund in sieben Tagen war jenseits unserer Erwartungen. Nach der ersten Woche beruhigten sich die Dinge und in den folgenden 23 Tagen verloren wir noch ein paar weitere Pfund.

Nach der ersten Woche war meine Energie drastisch gestiegen. Das war ein viel stärkerer Anstieg, als damals, als ich Vegetarier wurde. Ich will es mal so sagen, wenn ich den Gesamtanstieg an Energie nehme, den ich vom Fleischesser zum Veganer erfahren habe, dann entspricht der Wechsel vom Vegetarier zum Veganer 80 Prozent. Dieser Energieschub war während der Tae Kwon Do Stunden besonders ausgeprägt. Plötzlich hatte ich während des Trainings viel mehr Energie. Meine Ausdauer war viel, viel höher. Ich bemerkte auch, dass ich leichter größere Entfernungen laufen konnte, ohne müde zu werden und mein Atem fühlte sich weicher und müheloser an. Sport zu treiben wurde leichter und ich bekam öfter das Hochgefühl der Läufer.

Nachdem ich jahrelang drei bis fünf Meilen gelaufen war, erhöhte ich nun nach und nach auf fünf bis 10 Meilen. Das Laufen fühlte sich so gut an, dass ich auf nicht aufhören wollte, es schien einfach richtig zu sein, immer weiter zu machen. Innerhalb eines Jahres nahm ich an 14 -Meilen-Läufen am Santa Monica Beach teil und im Jahr 2000 lief ich den Los Angeles Marathon.

Trotz dieser vermehrten körperlichen Vitalität bestand der größte Vorteil in einer ausgeprägten Steigerung meiner geistigen Klarheit. Es fühlte sich an, als ob ich aus einem Langzeitnebel auftauchen würde. Falls sie den Film Awakenings gesehen haben, es war so ähnlich, nur dass mein Ausgangspunkt der Zustand war, den wir alle „normal“ nennen. Ich dachte: „Wow, so also fühlt sich ein klarer Kopf an.“ Stellen Sie sich das Gefühl vor, wenn ihre Stirnhöhlen komplett frei sind nachdem sie ein super scharfes Essen gegessen haben, aber bezogen auf ihr Gehirn.

Ich konnte auch eine deutliche Verbesserung meiner Fähigkeiten zur Programmierung von Computerspielen feststellen, was damals mein Beruf war. Ich konnte herausfordernde Probleme leichter lösen. Die Probleme waren so schwer wie zuvor, aber meine Fähigkeit, sie zu bewältigen, hatte sich deutlich vergrößert.

Interessanterweise war Erins Erfahrung ganz anders. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie einen solchen Schub an geistiger Klarheit oder körperlicher Ausdauer gehabt hätte wie ich. Aber sie erfuhr einen deutlichen Schub ihrer übersinnlichen Fähigkeiten. Ich bemerkte es damals nicht (weil ich gar nicht danach suchte), aber ich erfuhr ebenfalls eine Verbesserung meiner intuitiven Klarheit, nachdem ich Veganer wurde.

Wieder einmal waren die 30 Tage um, aber Erin und ich fanden es so leicht, weiter zu machen und die Vorzüge waren so offensichtlich, dass wir sie nicht wieder aufgeben wollten. Am 30. Tag waren die tierischen Nahrungsmittel sowieso so uninteressant geworden, dass wir einfach so weiter aßen, wie es uns am natürlichen erschien. Wieder brauchte es keinerlei Disziplin, um diese Ernährungsweise aufrecht zu erhalten. Und für die ursprüngliche Umstellung brauchten wir nur Neugier statt Disziplinen. Wie Sie sehen bin ich wirklich ein Fan der 30 Tage Versuche.

Man macht mir häufig Komplimente über die Tiefe meiner Gedanken zu bestimmten Themen und so merkwürdig wie das auch scheinen mag, verdanke ich das meiste davon meiner Ernährung. Die geistigen Vorzüge sind vermutlich der Hauptgrund, warum ich Veganer geblieben bin. Ich kann einfach nicht zurück zu dem Nebel in Gehirn, den ich für normal hielt. Menschen, die Tiere essen, glaube oft, meine Ernährung sei voller Entbehrungen (sie schauen von außen herein), wohingegen ich ironischerweise ihren Lebensstil viel entbehrungsreicher finde (ich schaue von innen nach außen).

Auch wenn manche Menschen meine Ernährung als extrem eingeschränkt empfinden, fühlt es sich für mich überhaupt nicht so an. Ich esse jetzt schon fast 10 Jahre so, für mich ist es völlig normal. Manchmal ist es ein bisschen skurril, mit Menschen essen zu gehen, die noch Tiere essen, denn in ihrer Blutgier nach Fleisch scheinen sie ein bisschen fanatisch, so als ob sie Vampire oder Ähnliches seien. Es stört mich nicht, wenn Menschen in meiner Gegenwart Tiere essen, sie sollen essen, was immer sie wollen. Es fällt mir jedoch auf, dass die Menschen sich oft unwohl fühlen, wenn sie Tiere in Gegenwart von Veganern verspeisen. Und ich könnte mir vorstellen, dass die Tiere sich dabei auch nicht besonders wohl fühlen.

Ich bin Veganer, Shubhanshu Singh Chauhan.

vegan1983@gmail.com

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