close-up-18753_640Bei dem Wort Osteoporose denken die Meisten an häufigere Knochenbrüche im Alter. Doch nicht nur Hüfte und Oberschenkel sind betroffen, da es sich um eine systemische Erkrankung handelt.

Ein Hörsturz wird auch als plötzlich auftretender sensorineuraler Hörverlust bezeichnet. Er geht mit einer plötzlichen Taubheit meist auf einem Ohr einher. Bei etwa der Hälfte der Betroffenen kehrt das Hörvermögen wieder spontan zurück. In der Vergangenheit waren schon Hinweise auf einen möglichen Zusammenhang zwischen Osteoporose und Hörstürzen aufgekommen, aber es lagen noch keine größeren Studien vor, um diese Frage wirklich zu beantworten.

Taiwans Sozialversicherung verfügt über eine Datenbank, in der 98% der Bevölkerung erfasst sind. Aus diesem riesigen Datenbestand zogen Forscher über 40.000 repräsentative, randomisierte Patientendaten, bei denen zwischen 1998 und 2008 Osteoporose mittels Dual-Röntgen-Absorptiometrie (DXA oder DEXA) diagnostiziert worden war. 89,5% der Teilnehmer waren weiblich und 91% älter als 50 Jahre. Auch in Bezug auf weitere Erkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck, koronare Herzerkrankungen und chronische Nierenerkrankungen sowie hinsichtlich von Wohnort und monatlichem Einkommen wurden die Gruppen verhältnismäßig abgestimmt.

10.660 Patienten mit Osteoporose stand eine drei Mal so große Kontrollgruppe von 31.980 Patienten ohne Osteoporose gegenüber. Die Beobachtungen liefen bis entweder ein Hörsturz diagnostiziert wurde, der Tod eintrat oder der Beobachtungszeitraum im Jahr 2011 endete.

Am Ende des Beobachtungszeitraums wurde ermittelt, wie viele Patient*innen in jeder Gruppe einen Hörsturz erlitten hatten. Es stellte sich heraus, dass in der Kontrollgruppe 155 Patient*innen betroffen waren. Da diese 3 Mal größer war als die Osteoporose-Gruppe, hätte man 52 Fälle erwarten können. Tatsächlich waren aber 91 Fälle aufgetreten. Das bedeutet, das Risiko für Osteoporose-Patientinnen einen Hörsturz zu erleiden ist um 76% höher als bei Menschen, die nicht an diese Erkrankung leiden, ohne dass andere Erkrankungsfaktoren eine Rolle spielen würden, da diese bei der Erstellung der Gruppen mitberücksichtigt worden waren.

Alter und Geschlecht spielen ebenfalls eine Rolle

Osteoporose betrifft nicht nur Frauen, wenn sie auch bei Männern deutlich seltener auftritt. In der Studie zeigte sich, dass das Risiko für den Hörsturz mit dem Alter steigt. In der Gruppe >50 bis 64 Jahre um 50% und >65 Jahre um 133%.

Bei den Frauen mit Osteoporose zeigte sich eine Erhöhung des Erkrankungsrisikos um 87% im Vergleich zur nicht erkrankten Kontrollgruppe. Dieser Zusammenhang zeigte sich bei den Männern nicht.

Ein geringerer Zusammenhang (59% Risikoerhöhung) zeigte sich auch bei Patient*innen mit Bluthochdruck und Osteoporose.

Schweregrad der Osteoporose erhöht Risiko

Die Forscher betonten, dass das Risiko für einen Hörsturz auch mit der Schwere der Osteoporose ansteigt. Als Marker dafür legten sie die Behandlung mit Biphosphonaten zugrunde. Der Risikofaktor bei Osteoporose-Patient*innen, die mit Biphosphonaten behandelt wurden, lag bei 2,46 im Vergleich zu 1,64 bei Osteoporose-Patient*innen ohne Behandlung mit diesem Wirkstoff.

„Unsere Studie kann die Frage, ob eine frühzeitige Erkennung der Osteoporose und eine Behandlung mit den entsprechenden Medikamenten das Risiko des Hörsturzes senken kann, nicht beantworten“ sagte Dr. Tien, Leiter der Studie, im Interview. Dafür seien weitere Studien erforderlich.

Gemeinsame Risikofaktoren

Osteoporose und Hörstürze haben als gemeinsame Risikofaktoren chronische Gefäßentzündungen und Störungen der Endothelfunktion, die wiederum Marker für Herz-Kreislauferkrankungen sind.

Aber „auch wenn man die begleitenden Erkrankungen und Risikofaktoren anpasst, bleibt immer noch ein deutliches Verhältnis zwischen Osteoporose und Hörstürzen, das bedeutet, die Begleitkrankheiten sind nicht die gesamte Erklärung dieser Beziehungen“, fügte Dr. Tien hinzu.

Weitere mögliche Ursachen

Nach Dr. Tiens Erklärung ist Osteoporose eine systemische Demineralisierung der Knochen und daher wäre es nicht auszuschließen, dass auch das Schläfenbein davon betroffen sein kann, in dem sich Cochlea und Innenohr befinden.

In einer früheren Studie wurde berichtet, dass erhöhte Spiegel von entzündlichen Zytokinen wie Interleukin und Tumor-Nekrosefaktor-alpha (TNF-α) bei Patient*Innen mit Osteoporose gemessen wurden. Solche Zytokine spielen eine große Rolle bei entzündlichen Knochenzerstörungen und es gibt einen engen Zusammenhang zwischen systemischen Entzündungsprozessen und Hörstürzen.

Zum heutigen Stand der Wissenschaft ist es also wahrscheinlich, dass kardiovaskuläre Risikofaktoren, die Demineralisierung der Knochen und die Funktionsstörung des Endothels eine Rolle bei Osteoporose und Hörstürzen spielen.


Quelle:
Increased Risk of Sudden Sensorineural Hearing Loss in Patients With Osteoporosis: A Population-based, Propensity Score-matched, Longitudinal Follow-up Study.
Yeh MC, Weng SF, Shen YC, Chou CW, Yang CY, Wang JJ, Tien KJ.
J Clin Endocrinol Metab. 2015 Apr 16:jc20144316. [Epub ahead of print] PMID: 25879512

http://press.endocrine.org/doi/10.1210/jc.2014-4316

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