Jan Spielhagen, Chefredakteur von BEEF hat sich unter allen vegetarischen Lebensmitteln das unsinnigste herausgepickt und dazu einen Artikel im der Online-Ausgabe des Spiegel geschrieben, der mich zwischen Verblüffung und Ungehaltenheit hin und herschwanken lässt. Auch wenn ich glaube, dass Herr Spielhagen zu den Unbelehrbaren gehört, werde ich dieses Vorurteil beiseite lassen und ihm seine Fragen hier beantworten – vielleicht liest er sie ja sogar.

Zugegeben, Herr Spielhagen bekam eine Pressemitteilung der Firma Valess, die eine vegetarische Weißwurst aus Milch herstellt und diese, wie in Pressemitteilungen so üblich, in den höchsten Tönen anpreist. Ich bin mir da ganz mit ihm einig, dass man sich wirklich fragen muss, was das soll. Warum sollte jemand ein Fleischprodukt durch ein Milchfabrikat ersetzen?

Gesundheitlich hat das überhaupt keine Vorteile. Fleisch und Milchprodukte machen die Menschen gleichermaßen krank und wenn man hier abzuwägen hätte, könnte man sich nur zwischen „Pest und Cholera“ entscheiden. Das Hämeisen aus Fleisch und die beim Grillen entstehenden Stoffe erhöhen das Risiko für Darm- und Blasenkrebs, bei Frauen auch für Gebärmutterkrebs. Milchprodukte leisten ihrerseits einen größeren Beitrag zur Entstehung von Prostata- und Bauchspeicheldrüsenkrebs. Alle tierischen Produkte fördern darüber hinaus die Entstehung von Diabetes und Impotenz – nichts für echte Männer in meinen Augen. Wer mich kennt, weiß, dass ich die Liste der ernährungsbedingten Krankheiten noch beliebig verlängern könnte, wie z.B. die Artikel aus Wissenschaft und Forschung belegen.

Aber das ist heute gar nicht unser Hauptthema. Schmunzeln musste ich bei der Frage, was an Geschmacksveränderungen so alles möglich ist, wenn Milch jetzt schon wie Fleisch schmeckt. Ich hab zwar schon seit der Kindheit kein Sägemehl mehr probiert, weil ich schon lange nicht mehr vom Pferd gefallen bin, aber ich erinnere mich nicht daran, dass es nach Himbeeren oder Erdbeeren geschmeckt hätte. Doch genau diese Geschmackrichtung gibt es dann vielen Joghurts, die uns in der Presse und Werbung als gesund empfohlen werden. Darüber wundert sich doch schon lange niemand mehr.

Richtig spannend finde ich dagegen die Frage, warum jemand, der auf Fleisch und möglicherweise auch noch weitere Tierprodukte verzichten möchte, trotzdem Lust haben könnte, Würstchen zu essen. Diese Frage wird ja sehr häufig gestellt und ist auch vollkommen berechtigt. Im vorliegenden Fall frage ich mich das besonders, denn ich erinnere mich, dass ich zu meinen omnivoren Zeiten einmal eine Weißwurst probieren musste und mich immer gefragt habe, wie man so ein ekliges wabbeliges Zeug freiwillig essen kann. So etwas würde ich auch als Ersatzprodukt nicht essen wollen, aber Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden.

Und damit sind wir dann wirklich bei dieser Frage: warum essen Menschen Ersatzprodukte für Fleisch? Warum lieben auch Veganer Grillwürstchen, wenn sie denn aus Soja, Seitan oder Lupinen hergestellt sind? Die Antwort ist ganz schlicht: weil manches davon wirklich gut schmeckt, wenn man denn weiß, wie man es zubereiten muss. Weil viele Menschen auf das Fleisch und die anderen Dinge nicht verzichten, weil es ihnen nicht schmeckt, sondern weil sie eine Lebenshaltung haben, in der sie Tierleid so weit sie können vermeiden möchten. Das ist ein Entwicklungs- oder Bewusstwerdungsprozess und wer den durchläuft hat trotzdem seine geschmacklichen Präferenzen, die zum größten Teil in den ersten zehn Lebensjahren entstehen. Fleischersatzprodukte sind da ideal, weil sie diese Veränderung der Menschen hin zu einer mitfühlenderen Lebensweise unterstützen, vor allem in der ersten Zeit.

Neben der ethischen Motivation gibt es dann auch noch die Belastung der Umwelt, die durch eine vegane Ernährungsweise so stark verringert wird, wie durch keine andere Maßnahme, die Sie je ergreifen könnten. Spätestens seit 2007 wissen wir, das die Produktion von Nahrungsmitteln tierischer Herkunft die Umwelt mehr belastet als alle Transportmittel der Erde zusammen. Wer auf einen Liter Milch verzichtet, spart dadurch ca 1000 l sauberes Trinkwasser. Eine 200 g Portion Fleisch durch eine vegane (!) Alternative zu ersetzen spart 2-3000 l Trinkwasser und mindestens 2-3 Kg Getreide. Das gilt auch für „artgerechte“ Fleischproduktion. Für mich ist diese Formulierung ein Anachronismus, aber dieses Thema verschieben wir jetzt mal auf später.

Es gibt übrigens auch Ersatzprodukte für Fisch oder Käse, es gibt vegane Eiscremes, Kuchen, Waffeln, alles, was das Herz begehrt. Warum sollten wir uns irgendeinen Geschmack versagen? Vielleicht sollte Herr Spielhagen mal in einem guten veganen Restaurant essen, damit er nicht glaubt, vegane Ernährung könne nicht schmecken nur weil er in Sachen Zubereitung noch einiges zu lernen hat. Inzwischen gibt es sie ja – in Hamburg fällt mir dazu das Leaf ein oder in Berlin das Kopps von Björn Moschinski, der ja auch schon viele Köche im Rahmen der Zusammenarbeit mit der Albert-Schweitzer-Stiftung geschult hat.

 
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