Die traditionelle indische vegane Ernährung wird immer seltener.

Die traditionelle indische vegane Ernährung wird immer seltener.

Die durchschnittliche westliche Ernährung mit Tierprodukten, vielen Fertigprodukten und wenig Nährstoffen ist die Hauptverantwortliche für nicht übertragbare chronische Krankheiten, darunter Herz-Kreislauferkrankungen oder Diabetes. Ein wichtiges, weil besonders sichtbares Symptom für ein erhöhtes Risiko dieser Krankheiten ist Übergewicht. Diese Entwicklung hat in Deutschland und Europa nach dem letzten Weltkrieg stattgefunden und wie bei jedem schleichenden Prozess lässt sich gar nicht genau sagen, wann genau das Gleichgewicht gekippt ist. Es gibt Berichte von skandinavischen Ländern, in denen in den Kriegsjahren kein Fleisch zu bekommen war und infolgedessen die Fallzahlen von Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes, Gicht, Arthritis und anderen chronischen Krankheiten drastisch sanken, nur um mit dem Frieden, der die Tierprodukte wieder auf die Teller brachte, explosionsartig zu steigen und die Vorkriegszahlen deutlich zu überschreiten. Doch das ist so lange her und es könnte ja auch an anderen Faktoren gelegen haben – so oder so ähnlich diskutieren all die, die der Ernährung nicht den ihr zustehenden Platz als Grundlage des menschlichen Gesundheitszustands einräumen wollen.

Denn eigentlich müssten unsere Ärzte doch eine vegane vollwertige Ernährung empfehlen, aber dann machen sie sich unbeliebt. Ein Diabetologe, mit dem ich über dieses Thema sprach, sagte mir: „Ich denke, Sie haben recht, was das Potential der veganen Ernährung bei Diabetes angeht, aber wenn ich das meinen Patienten empfehle, suchen sie sich einen anderen Arzt oder sie versuchen es und scheitern, weil sie die Disziplin zur Umsetzung nicht haben. Deshalb spreche ich gar nicht erst darüber, sondern verschreibe Medikamente, wie alle meine Kollegen.“

Der Fokus liegt in unserer Medizin also auf der Anwendung von Medikamenten, die es den Patienten abnehmen sollen, selbst etwas verändern zu müssen. Auch der „normale Alterungsprozess“ oder genetische Faktoren werden gern als Ursache für chronische Krankheiten genannt, auch sie befreien die Patienten scheinbar von ihrer Selbstverantwortung.

Im Moment entfaltet sich jedoch der Prozess des Krankwerdens durch unsere westliche Ernährung für alle sichtbar in China und Indien. Diese Länder haben über Jahrtausende hinweg traditionell eine überwiegend vegane Ernährung praktiziert und viele Krankheiten, die bei uns sehr häufig vorkommen, sind dort eine Seltenheit. Für manche gab es bis vor Kurzem noch nicht einmal einen Namen.

Nun aber hat die Nahrungsmittelindustrie damit begonnen, diese Länder systematisch für den Absatz von Fleisch und vor allem Milchprodukten zu erschließen. Und plötzlich schießen die Fallzahlen von Übergewicht und chronischen Krankheiten wie Diabetes und Herz-Kreislauferkrankungen in die Höhe. Dicke Japaner war etwas, das man außer bei Sumo-Ringern so gut wie nie gesehe hat. Heute sieht man immer mehr. Ebenso geschieht es gerade in Indien. Eine neue Studie hat diese Entwicklung untersucht und kommt zu dem Schluss, dass der Negativ-Trend derzeit besonders in den Städten auftritt, wo die Fälle von Übergewicht über 30% der Menschen betreffen und mit denen der westlichen Industriestaaten gleichziehen. Noch 1997 waren nur 5% der Inder*innen übergewichtig. Neben der Urbanisation identifizierten die Forscher auch die Veränderung in den Ernährungsgewohnheiten eindeutig als Ursache, da die vollwertige pflanzenbasierte Ernährung immer weniger wird und damit die Risiken für chronische Krankheiten steigen. Man muss natürlich auch bedenken, dass die Einführung westlicher Ernährungstrends natürlich in den Städten beginnt. Liegt es also an der Urbanisation oder an den neuen Fast Food Ketten und Milchbars, die auf dem Land noch nicht Fuß gefasst haben?

Im Rahmen der Adventist Health Study 2 wird bei indischen Bürgern genauer betrachtet werden, inwiefern sich spezifische pflanzliche Lebensmittel wie zum Beispiel Nüsse eignen, um Übergewicht zu verhindern und die Risiken für chronische Krankheiten zu reduzieren. Schließlich geht es um über eine Milliarde Betroffene.

Was glauben Sie – wird man dieser Milliarde Menschen empfehlen, zu ihrer traditionellen Ernährung zurückzukehren oder wird man den Absatz der Medikamente steigern?


Global epidemiology of obesity, vegetarian dietary patterns, and noncommunicable disease in Asian Indians
Pramil N Singh, Kristen N Arthur, Michael Orlich, Wesley James, Anil Purty, Jayakaran S Job, Sujatha Rajaram, and Joan Sabaté

 

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