Ich bin jetzt von mehreren Seiten gefragt worden, was ich von dem neuen veganen Ergänzungsmittel halte, das gerade auf den Markt gedrängt wird und für das bekannte Gesichter aus der „Szene“ mit finanziellen Anreizen angeworben werden, um Werbung zu machen.

Wie immer soll uns die Anstrengung, gesunde Lebensmittel auszuwählen, erspart bleiben. Wir sollen eine oder in diesem Fall zwei Pillen schlucken und dann ist alles gut. Das Konzept hat sich außerhalb der veganen Welt schon millionenfach bewährt. Gepaart mit einem kleinen Schuss Angst, führt es dazu, dass Menschen diese Pillen schlucken, für den Fall, dass sie doch nicht alles richtig machen.

Schauen wir uns das Ganze im Einzelnen:

Omega-3 Fettsäuren

Die erste Pille besteht aus Algenöl, das reich an DHA/EPA ist. Diese beiden Omega-3 Fettsäuren kommen in veganen Lebensmitteln (außer eben bestimmten Algen) nicht vor.  Allerdings
brauchen wir keine Zusätze davon, denn unser Körper wandelt die ALA, die Alpha-Linolensäure in DHA und EPA um. Lange Zeit haben Mediziner bestritten, dass das in ausreichender Menge geschieht, doch die Erfahrung der Langzeitveganer*innen und Erhebungen an über 14.000 Personen haben gezeigt, dass dies sehr wohl der Fall ist. Teilweise sind die Werte bei Veganerinnen besser als die von Fischesserinnen. [i]

Außerdem befindet sich in der Kapsel noch Vitamin E. Auch wenn es nicht der Hauptwirkstoff ist, sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass es sich herausgestellt hat, dass synthetische Vitamin E Gaben das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen erhöhen können. Nur aufgrund dieser Kapseln wird das nicht der Fall sein, aber wer noch andere Ergänzungsmittel einnimmt, sollte das wissen.

Die Nährstoffkapsel

Die zweite Pille ist gefüllt „mit allen wertvollen Vitalstoffen, die sich in gesundheitswissenschaftlichen Erhebungen als essentiell herausgestellt haben“.  Alle sind es sicher nicht. Die Inhaltstoffe im Einzelnen an.

Vitamin C

Ehrlich gesagt braucht niemand, der sich vegan ernährt, Vitamin C als Ergänzungsprodukt. Veganer*innen bekommen bei einer normalen gesunden Ernährung eine riesige Zufuhr an Vitamin C und selbst die sogenannten Puddingveganer können es nicht vermeiden, auch mal frisches Obst und Gemüse zu essen. Ein Überschuss an Vitamin C wird ausgeschieden, daher schadet es nicht und verlängert hübsch die Liste der essentiellen guten Dinge, die in der Kapsel enthalten sind.

Vitamin B12 als Hydroxocobalamin

Das ist interessant, denn bisher galt Hydroxocobalamin als zu instabil für orale Verabreichungen und wurde nur zum Spritzen verwendet. Inwieweit die Dosierung ausreichend ist, lässt sich deshalb nicht wirklich beurteilen, denn sie entspricht den gängigen Mengen von Cyanocobalamin, das im Körper erst umgewandelt werden muss. Hydroxocobalamin ist direkt verfügbar, genau wie Methylcobalamin, das bereits länger in Lutschtabletten und Tropfenform bekannt ist. Allerdings liegt bei letzterem die erforderliche Dosierung deutlich höher. Zwischen 500 und 1000 µg werden empfohlen und praktiziert. Grundsätzlich gilt: Wer Vitamin B12 oder überhaupt Ergänzungsmittel einnimmt, sollte seine Blutwerte regelmäßig kontrollieren lassen, dabei wird sich die Wirksamkeit dann mit der Zeit herausstellen.

Calcium

Eine abwechslungsreiche gesunde vegane Ernährung liefert ausreichend Calcium. Wer grünblättriges Gemüse, Getreide, Hülsenfrüchte und Trockenfrüchte nicht häufig isst und lieber ständig auf Fertigprodukte zurückgreift, wird vermutlich mehr gesundheitliche Probleme haben. Da schadet ein wenig Calcium nicht. Aber: warum nur 120 mg? Der Tagesbedarf liegt laut DGE bei 1000 mg, laut WHO bei 500 mg. Wenn schon ein Ergänzungsmittel genommen wird, dann dürfte die Calcium-Dosierung ruhig etwas höher sein.

Zink

Es ist nicht klar, ob Veganer*innen häufiger an Zinkmangel leiden als Mischköstler*innen. Ich persönlich bin der Ansicht, dass niemand Zink einfach so als Ergänzungspräparat nehmen sollte, da es bei Überdosierung durchaus auch zu unangenehmen Nebenwirkungen kommen kann. Falls ein echter Zinkmangel jedoch besteht, dann ist die Dosierung mit 20% des Tagesbedarfs wieder zu niedrig.

Vitamin B2

Dieses B-Vitamin beziehen Veganer*innen aus grünblättrigem Gemüse, Getreide und Nüssen. Je nachdem wie gesund die vegane Ernährung tatsächlich aussieht – Stichwort Fertigprodukte – kann die Versorgung durchaus ausreichend sein. B2 ist wie alle B-Vitamine wasserlöslich. Ein Überschuss wird also einfach ausgeschieden. Die Einnahme ist daher nicht unbedingt sinnvoll, aber auch nicht schädlich.

Vitamin D2

Ergocalciferol galt lange als nicht so wirksam wie Vitamin D3, dieses Vorurteil hat sich nicht bestätigt. Da Vitamin D3 fast immer tierlichen Ursprungs ist, ist die Wahl von D2 erst einmal eine gute. Allerdings sehe ich zwei Probleme. Zum einen ist die Tagesdosis den Angaben der DGE angepasst und obwohl diese vor nicht allzu langer Zeit erhöht wurden, liegen sie meist unter dem tatsächlichen Bedarf, da über 80% der Menschen in Deutschland unter einem mittleren bis schweren Mangel an Vitamin D leiden. Zum anderen hat man festgestellt, dass die gleichzeitige Einnahme von Vitamin D und Calcium die Aufnahme gegenseitig behindern. Es ist also wesentlich besser, wenn man beides einnehmen will, die zeitlich voneinander getrennt zu tun. Mit der Menge an Vitamin D in dieser Kapsel wird also eine angemessene Versorgung nicht gewährleistet.

Übrigens: Vitamin D gehört zu den Vitaminen, die wenn sie individuell verschrieben werden, sehr gut wirken, die aber als fettlösliche Vitamine auch überdosiert werden können, weshalb eine regelmäßige Überprüfung der Blutwerte wichtig ist. Vor einem solchen Test sollte das Vitamin D aber mindestens zwei Wochen lang abgesetzt sein, damit keine falsch-positiven Ergebnisse entstehen.

Fazit:

Wer glaubt, mit knapp 20 Euro monatlich nun endlich sicher sein zu dürfen, bei veganer Ernährung keinerlei gesundheitlicher Risiken einzugehen, liegt wieder einmal falsch. Es gibt keine sinnvollen alternativen zu einer veganen Ernährung mit frischem Obst und Gemüse, Getreide, Hülsenfrüchten, Nüssen und Saaten.

Noch ein Wort zur Werbesprache. In der Broschüre heißt es: „… haben wir ein Produkt entwickelt, das den Anforderungen einer vollwertigen veganen Nährstoffzufuhr mehr als gerecht wird.“

Eine vollwertige vegane Ernährung bedeutet, frische naturbelassene Lebensmittel zu verwenden, Getreide idealerweise erst kurz vor der Zubereitung selbst zu mahlen und auf Zucker sowie Fertigprodukte gänzlich zu verzichten.

 

 


[i] Welch AA, Shakya-Shrestha S, Lentjes MAH, Wareham NJ, Khaw KT. Dietary intake and status of n-3 polyunsaturated fatty acids in a population of fish-eating and non-fish-eating meat-eaters, vegetarians, and vegans and the precursor-product ratio of a-linolenic acid to long-chain n-3 polyunsaturated fatty acids: results from the EPIC-Norfolk cohort. Am J Clin Nutr. 2010;92:1040-1051.

 

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