Email-Rundschreiben von Kapitän Paul Watson

Übersetzung Frauke Girus-Nowoczyn

Die Fleischindustrie ist einer der ökologisch zerstörerischsten Industrien auf unserer Erde. Für die Aufzucht und das Schlachten von Schweinen, Kühen, Schafen, Truthähnen und Hühnern bedarf es nicht nur enormer Landflächen und Wassermengen, sie trägt auch mehr zum Ausstoß von Treibhausgasen bei, als die gesamte Automobilindustrie.

Der industrielle Fischfang plündert buchstäblich das Leben aus den Meeren, und ca 50% der gefangenen Fische werden an Kühe, Schweine, Schafe und Hühner in Form von Fischmehl verfüttert. Man braucht auch ungefähr 50 Meeresfische, um einen Lachs in einer Aufzuchtstation zu züchten.

Damit haben wir unsere Kuh zur größten Gefahr für die Meere auf diesem Planeten gemacht. Die hunderte Millionen Kühe, die auf unserem Land grasen und Methangas pupsen, fressen mehr Fisch als alle Haie, Delphine und Robben zusammen. Hauskatzen fressen mehr Fisch, besonders Thunfisch, als alle Robben der Welt.

Warum wenden sich also nicht alle großen Umweltschutzorganisationen in ihren Kampagnen gegen die Fleischindustrie? Warum wird in Al Gore’s Film „Eine unbequeme Wahrheit“ die Tatsache nicht erwähnt, dass die Fleischindustrie mehr Treibhausgase produziert, als die Automobilindustrie?

Auf den Greenpeace Schiffen wird der Besatzung täglich Fleisch und Fisch serviert. Der WWF (World Wildlife Fund) verliert kein Wort über die Bedrohung, die das Essen von Fleisch für den Artenschutz bedeutet, die Zerstörung des Lebensraums, das Ausrotten von Wildtieren, um mehr Land zu bekommen, oder das Töten der Raubtiere zum Schutz des ach so kostbaren Nutzviehs.

Als ich drei Jahre lang der Vorstandsmitglied des Sierra Clubs war, schauten alle amüsiert, als ich das Thema Vegetarismus aufwarf. Bei jedem unserer Vorstandstreffen wurde den Direktoren Fleisch vorgesetzt und die wenigen Vegetarier bekamen erst nach langem immer wieder darauf Stoßen und vielen Beschwerden eine vegetarische Alternative. Bei unserem Treffen in Montana servierte man uns Büffel und Antilope, in Boston gab es Hummer, Krebse in Charleston, Steak in Albuquerque, etc. Aber was sollen wir auch sonst von einer „Naturschutz“-Gruppe erwarten, die sich immer noch mit Jagdtrophäen brüstet.

So weit ich weiß ist meine Organisation, die Sea Shepherd Conservation Society die einzige Organisation weltweit, die Vegetarismus befürwortet und praktiziert. Auf meinen Schiffen werden weder Fleisch, noch Fisch, noch Milchprodukte serviert. Wir essen seit Jahren konsequent vegan und niemand ist an Skorbut oder Mangelernährung gestorben.

Der Preis, den wir dafür zahlen ist, dass wir von anderen Organisationen als „Tierschützer“ bezeichnet werden. Als ob das ein Schimpfwort wäre. Sie sagen es mit der gleichen Verachtung, wie die Amerikaner das Wort Kommunist in den 50er Jahren aussprachen.

Die Sea Shepherd Conservation Society ist keine Tierschutzorganisation. Wir kümmern uns ausschließlich um illegale Aktivitäten, die die Meeresfauna und den Lebensraum Meer bedrohen und ausbeuten. Wir unternehmen Dinge zur Erhaltung des Lebens im Meer.

Da wir aber unsere Schiffe vegan betreiben, bezeichnen uns andere Gruppen und nun auch die Medien als Tierschutzorganisation.

Zuerst einmal empfinde ich es nicht als Beleidigung, als Tierschutzorganisation bezeichnet zu werden. PETA (People for Ethical Treatment of Animals) wurde von einem meiner Weggefährten gegründet und viele unserer ehrenamtlichen Helfer kommen aus der Tierschutzbewegung. Aber es ist nicht korrekt, Sea Sheperd als Tierschutzorganisation zu bezeichnen, wenn wir eigentlich strikte Naturschutzrichtlinien vorantreiben.

Zweitens propagieren wir Veganismus auf unseren Schiffen nicht aus Tierschutzgründen, sondern als Mittel um das Umzusetzen, was wir predigen, nämlich den Erhalt des ozeanischen Lebensraums.

Es gibt nicht genug Fisch in den Weltmeeren, um 6,6 Milliarden Menschen und weitere 10 Milliarden Haustiere zu ernähren. Deshalb bricht überall der kommerzielle Fischfang zusammen. Deshalb verhungern Wale, Robben, Delphine und Seevögel. Der Sandaal z.B., die Hauptnahrungsquelle des Papageientauchers, wurde von dänischen Fischern praktisch ausgerottet, nur um Fischmehl für dänische Hühnerfarmen zu produzieren.

Es gibt eine starke Verbindung zwischen dem Fleischkonsum und der Zerstörung des Lebens in unseren Ozeanen.

In einer Welt, in der Frischwasser eine der schwindenden Ressourcen ist, ist es schierer Wahnsinn, dass hunderte Millionen Kühe über 7.500 l Wasser pro produziertem Kilo Fleisch verbrauchen.

Die Schweinefarmen in Nord Carolina produzieren so viel Gülle, dass das Grundwasser des gesamten Staates verseucht ist. Die Menschen in Nord Caroline trinken Schweinekot mit ihrem Wasser, aber sie sagen, das sei in Ordnung, sie neutralisieren das mit Chlor.

Die meisten Menschen wollen nicht wissen, woher ihr Fleisch stammt. Sie wollen auch nicht wissen, welche Auswirkung ihr Fleischkonsum auf die Umwelt hat. Sie würden das Ganze lieber verleugnen und behaupten, Fleisch sei etwas, das schön abgepackt aus dem Supermarkt kommt.

Aber weil die Schuld unterschwellig immer vorhanden ist, zeigt sie sich in Zorn gegen und im Lächerlich machen von Menschen, die die umweltfreundlichste Lebensweise auf dieser Erde haben – die Veganer und die Vegetarier.

Dies zeigt sich durch die ständige Ausgrenzung, besonders in den Medien. Jede Organisation, die wie Sea Shepherd z.B. die ökologischen Widersprüche des Fleischkonsums aufzeigen, werden sofort als irgendwelche spinnerten Tierschützer abgestempelt.

Ich habe die Sea Shepherd Conservation Society nicht als Tierschutzorganisation gegründet und wir haben niemals den Tierschutz als unser Ziel bezeichnet. Was wir tun ist, uns um den Erhalt der Fauna und des Lebensraums Ozean zu kümmern.

Und die Wahrheit ist, dass man keine solide und konstruktive Arbeit zum Erhalt der Meere leisten kann, wenn man nicht Veganismus und/oder Vegetarismus fördert, weil diese nun einmal Ressourcen erhalten.

Vor einigen Jahren war ich bei einem Essen der American Oceans Campaign von Ted Danson. Er eröffnete das Essen mit einer Rede, in der er sagte, er habe für dieses Essen zwischen Fisch und Huhn wählen können, und welchen Sinn habe es schon, Fische zu retten, wenn nicht, um sie zu essen?

Die Gastrednerin Sylvia Earle, eine Meeresforscherin, wies Ted zurecht, indem sie sagte, sie fände das überhaupt nicht lustig. Sie sagte, sie betrachte Fische als ihre Freunde und glaube nicht, dass es gut sei, seine Freunde zu essen. Weder Sylvia noch ich aßen an diesem Abend etwas.

Das nächste Mal traf ich Sylvia bei einem Kongress der „Conservation International“ [eine internationale Naturschutzorganisation], der in einem feudalen Urlaubsort in der Dominikanischen Republik stattfand. Harrison Ford war auch da und es wurde nach Möglichkeiten gesucht, die Meere zu retten. Ich war als Berater eingeladen. Ich saß auf einem Barhocker auf einer Terrasse, die sich zum Meer öffnete als die „Naturschützer“ sich den Tischen mit Tabletts näherten, die sich unter Fisch und exotischen Meeresfrüchten nur so bogen, einschließlich Kaviar. Ich schaute Sylvia Earle and und sie schüttelte nur mit dem Kopf und verdrehte die Augen.

Das Problem ist, dass Menschen wie Carl Pope, der Vorstandsvorsitzende des Sierra Club, oder die Vorstände von Greenpeace, WWL, Conservation International und vielen anderen großen Organisationen sich weigern anzuerkennen, dass ihre Essgewohnheiten genau so teil des Problems sind, wie all die anderen Dinge, gegen die sie sich wenden.

Ich erinnere mich an ein Mitglied von Greepeace, der seinen Fleischkonsum damit verteidigte, dass er sagte, er sei nun einmal Fleischfresser und das Raubtiere auch ihren Platz hätten, und er sei stolz, eines zu sein.

Das Wort Raubtier hat in Bezug auf Menschen dann doch eine eher beängstigende Note und hat nichts mit Essgewohnheiten zu tun. Ein Menschen, der sich selbst als Raubtier beschreibt, ist schlichtweg lächerlich.

Menschen sind keine Fleischfresser und waren es nie. Löwen sind Fleischfresser, genau wie Wölfe, Tiger oder Haifische. Fleischfresser verzehren lebende Tiere. Sie verfolgen sie, überfallen sie, sie stürzen sich auf sie, töten und fressen das bluttriefende Fleisch bei Körpertemperatur. Natur, brutal rot, auf Klauen und Zähnen.

Ich habe nie einen Menschen getroffen, der das tun kann. Ja, wir haben Mittel und Wege gefunden, Tiere aufzuspüren und zu töten. Beim Töten sind wir sogar sehr effizient geworden. Aber wir können unsere Beute nicht verzehren, wenn wir sie nicht zerlegen und kochen, und das beinhaltet einige Zeit zwischen Töten und Essen. Es können eine Stunde oder Jahre dazwischen liegen.

Wie Ihnen sicherlich auffällt, ähneln unsere Essgewohnheiten also eher dem Geier, dem Schakal oder anderen Aasfressern. Deshalb kann man uns nicht als Fleischfresser bezeichnen. Man müsste uns eher als Leichenfresser oder Verzehrer verwesten Fleisches beschreiben.

Beachten Sie, dass das Rindfleisch, das Menschen essen, seit Monaten und in manchen Fällen sogar seit Jahren tot ist. Tot, aufgehängt in Tiefkühlanlagen, voller Harnsäure und Bakterien. Es ist ein Körper im Zustand der Verwesung. Man kann nichts wirklich Edles über das Essen von Leichen sagen.

Aber eine kleine Dosis Verdrängung gestattet uns, in diesen Big Mac zu beißen, oder in dieses Rippchen zu schneiden.

Doch dieses Pfund Fleisch entspricht mehreren tausend Litern Frischwasser, mehreren Äckern Grasland, einigen Fischen, einem Viertel Acker Getreide, etc. Welcher Sinn liegt darin, kürzer zu duschen, um Wasser zu sparen, wie Greenpeace es empfiehlt, wenn man in einer Mahlzeit fast 4000 Liter Wasser verzehren kann?

Und dieses eine Stück Fleisch hat so viel pflanzliche Ressourcen verbraucht, wie ein ganzes afrikanisches Dorf in einer Woche benötigt..

Das Problem ist, dass wir unsere Widersprüchlichkeiten nur sehen, wenn es für uns bequem ist, und wenn nicht, gehen wir einfach in einen Zustand dauernden Ungläubigseins und essen das Steak trotzdem, wir lieben nun mal den Geschmack verwesenden Fleisches am Abend.

Haben Sie sich jemals gefragt, warum man es beim Menschen Abtreibung nennt, beim Huhn aber Omelett?

Weiß irgend jemand, was wirklich in einem Würstchen drin ist? Wir wissen, dass der Gesetzgeber ein gewisses Maß an Käferteilen, Nagetierkot und ähnlichem Schmutz in der Mixtur toleriert.

Und nun wird Thunfisch mit der Warnung verkauft, dass Schwangere und Kleinkinder ihn nicht essen sollten, weil er zuviel Quecksilber enthält. Heißt das, Quecksilber ist gut für Erwachsene und nicht schwangere Frauen? Was sagt man uns da?

Fleisch und Fisch zu essen ist nicht nur schlecht für die Umwelt, es ist auch noch ungesund. Doch sogar wenn es um unsere eigene Gesundheit geht, gleiten wir wieder in den Verdrängungsmechanismus und bestellen den Whopper.

Man kann daraus nur schließen, dass wer ein Umweltschützer und –bewahrer sein will, Vegetarismus oder besser noch Veganismus praktizieren und fördern muss.

Dieser Lebensstil hinterlässt die geringsten ökologischen Spuren, verbraucht weniger Ressourcen und erzeugt weniger Treibhausgase, er ist gesünder und bedeutet, dass Sie kein/e Heuchler/in sind.

Ein Veganer, der einen dicken Wagen fährt, erzeugt weniger Treibhausgase als ein Fleischesser, der Fahrrad fährt.

Dieser Text darf frei vervielfältigt und veröffentlicht werden mit der Erlaubnis des Autors.

Paulwatson@earthlink.net

Übersetzung Frauke Girus-Nowoczyn

Über Captain Paul Watson

Gründer und Präsident der Sea Shepherd Conservation Society (1977-

Mitbegründer – die Greenpeace Foundation (1972)

Mitbegründer – Greenpeace International (1979)

Direktor des Sierra Club USA (2003-2006)

Director – The Farley Mowat Institute

Director – www.harpseals.org

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