sos-pillenDie Weltgesundheitsorganisation (WHO) beklagt sehr viele falsche Annahmen und Fehleinschätzungen hinsichtlich neuer Supererreger, die weltweit immer mehr zunehmen. Ich habe für Sie die wichtigsten Informationen zusammengefasst:

  1. Antibiotika sind bei Grippe und vielen Erkältungskrankheiten völlig wirkungslos, weil sie gegen Viren nichts ausrichten können.
  2. Wenn Sie Antibiotika verschrieben bekommen, sollten Sie die vorgeschriebene Einnahmezeit unbedingt einhalten und die Tabletten nicht vorher absetzen, wenn Sie sich besser fühlen. So erleichtern Sie den Bakterien nämlich die Anpassung an dieses Medikament, man könnte es ein Training zur besseren Resistenzentwicklung nennen.
  3. Eine Resistenz gegen Antibiotika bedeutet nicht, dass Ihr Körper gegen das Antibiotikum resistent ist, sondern die Bakterien, gegen die es wirken soll, sind resistent.
  4. Auch Menschen, die selten oder nie Antibiotika nehmen, können sich mit multiresistenten Keimen infizieren.

Eine Zeit lang galt es als praktisch und Zeit sparend, bei Erkältungskrankheiten erst einmal Antibiotika zu verschreiben und wenn die Beschwerden weggingen, war kein weiterer Arztbesuch mehr erforderlich. Dies ist heute nicht mehr zeitgemäß. Antibiotika sollten nur verschrieben werden, wenn ein Virus als Krankheitserreger mit Sicherheit ausgeschlossen werden kann. Persönlich würde ich hinzufügen: und wenn eine echte Gefahr bereits besteht. Das bedeutet: ein Schnupfen benötigt nie Antibiotika, bei einer Lungenentzündung sieht das oft anders aus. Aber auch nicht jede Lungenentzündung kann automatisch mit Antibiotika behandelt werden.

Antibiose billiger als Bluttest

Der Pro-Calcitonin-Test (PCT) liefert die Antwort, ob eine virale oder eine bakterielle Infektion vorliegt und ob dementsprechend Antibiotika erforderlich sind oder nicht. Bei einem Wert von unter 0,25 ng/ml ist eine Antbiotikabehandlung auf keinen Fall sinnvoll. In Studien konnte gezeigt werden, dass die Häufigkeit der Antibiotika-Verschreibungen um 40% oder sogar bis zu 75% gesenkt werden konnte, im Vergleich zu einer Kontrollgruppe. Auch die Nebenwirkungen, wie z. B. Durchfall, sanken dementsprechend.

Der Test ist mit ca. 25 Euro allerdings teurer als die Kosten für einen durchschnittlichen Behandlungszyklus mit Antibiotika, deshalb übernehmen viele Krankenkassen die Kosten nicht. Außerdem muss entweder ein zweiter Arztbesuch stattfinden, wenn das Ergebnis so ausfällt, das eine Antibiotika-Behandlung erforderlich ist oder die Patienten bekommen ein Rezept mit nach Hause, das sie aber nur einlösen sollen, wenn der Test entsprechend positiv ausgefallen ist und sie vom Hausarzt telefonisch dazu angewiesen werden. Beides ist aufwändig und belastet das Budget Ihres Hausarztes.

Kinder sollten auf jeden Fall getestet werden

Die Besiedelung des Darm mit nützlichen (und schädlichen) Bakterien ist ein Prozess, der in etwa bis zum 4. Geburtstag eines Kindes abläuft. Erst in neuerer Zeit wird den Wissenschaftlern klar, dass hier Dinge passieren, die die Gesundheit eines Menschen lebenslang verändern können. Viel wird in Sachen Mikrobiom geforscht – so nennt man die Gesamtheit der Bakterien, die uns bewohnen – bisher wissen wir darüber aber noch sehr wenig. Sicher ist jedoch, dass eine Behandlung mit Antibiotika das Gleichgewicht im Darm total durcheinanderbringt, weil eben nicht nur die unerwünschten, sondern auch die nützlichen Keime vernichtet werden. Zum Beispiel solche, die bestimmte Vitamine herstellen oder die manche Ballaststoffe in Fettsäuren umwandeln.

Bei Kindern sind die Konsequenzen noch viel stärker, weil dort noch gar kein Gleichgewicht der Darmflora gesichert ist. Als Mutter würde ich daher immer darauf bestehen, den PCT-Test durchführen zu lassen, bevor ich einem Kind eine Antibiotikabehandlung zumute.

Warum nehmen die Resistenzen so stark zu?

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97,6 Prozent der Antibiotika gehen in die Tierindustrie. Quelle: Statistisches Bundesamt, 2011

Fairerweise muss ich sagen: der sorglose Umgang mit Antibiotika in der Humanmedizin ist nicht die wichtigste Ursache für die Resistenzbildung. Denn 97% der Antibiotika, die in Deutschland verwendet werden, gehen an Tiere in der Fleisch- und Milchindustrie. Das ist 40 Mal so viel wie in unseren Krankenhäusern zum Einsatz kommen. In der Enge der Massenställe von Schweinen und Hühnern entwickeln sich die Resistenzen dementsprechend auch besonders gut.

Zusätzlich gibt es noch ein weiteres Problem. Man hat entdeckt, dass manche Menschen, z. B. Tierhalter (auch in der bäuerlichen Landwirtschaft), Träger von resistenten Erregern sein können, ohne dass sie selbst sofort sichtbar krank werden. Wenn ein Mensch, der Träger solcher Erreger ist, mit anderen in Berührung kommt, die, aus welchen Gründen auch immer, ein schwaches Immunsystem haben, dann ist dieser Mensch eine Gefahr für seine Umgebung. Es ist durchaus im Bereich des Möglichen, dass auch viele Menschen, die mit Fleisch und Milchprodukten in Berührung kommen, ebenso zu Trägern werden können. Wissenschaftler unterscheiden heute bereits zwischen multiresistenten Keimen aus der nachbarschaftlichen Umgebung (community acquired), aus dem Krankenpflegebereich (healthcare acquired) und aus der Tierzucht (livestock acquired).

Leben ist Anpassung und auch Bakterien wollen leben. Bisher dauerte es etwa 4 Jahre bis sich gegen ein neues Antibiotikum Resistenzen gebildet hatten. Seit letztem Jahr hat man allerdings neue Bakterien entdeckt, die der Wissenschaft voraus sind und die ihre DNS so verändert haben, dass sie bereits gegen alle Antibiotika, die derzeit noch in der Entwicklung stecken, resistent sind. Das bedeutet, wir haben nichts mehr, um uns gegen diese Erreger zu schützen.

Moderne Vorbeugung ist gefragt

Die Gefahr ist unsichtbar, ähnlich wie die Salmonellen, die sich vom Auftauwasser eines Hühnchens ins Schneidebrett und von dort überall hin verbreiten können – solche Fälle kennen wir zu Tausenden. Multiresistente Keime gibt es inzwischen überall, einer der wichtigsten Übertragungswege sind die Hände.

Händewaschen und sonstige allgemeine Hygienemaßnahmen sind daher die Grundlage aller weiteren Schutzmaßnahmen.

Eine weitere einfache Form der Vorbeugung liegt darin, sich von tierischen Produkten fernzuhalten. Glauben Sie bitte nicht, in der Bio-Produktion sei es anders. Es ist besser, ja, aber nicht gut, und MRSA-Erreger scheren sich nicht um Ideologien. Bei einer Überprüfung  im Jahr 2012[1], waren resistente Keime in jeder zweiten Probe Biofleisch zu finden.


 

[1] http://www.schrotundkorn.de/files/downloads/2012/Mitgliederinformation_zur_Keimbelastung_von_Biofleisch_120229.pdf


 

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